Verloren, vergessen, verelendet. Inmitten der blühenden, pulsierenden Berliner Quirligkeit erinnert uns das Schicksal von Obdachlosen tagtäglich an schiere existienzielle Not. Wir sehen den Mangel an Essen, Kleidung und  Wärme. Schutz und ein Dach über dem Kopf sind nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit. Aber sehen wir hinter der Brutalität des bedingungslosen Überlebenskampfes, was Obdachlose aller materiellen Entbehrungen zum Trotz besitzen: Persönlichkeit, Würde und Selbstwert. Wer sind die Menschen hinter den Schicksalen?

Die Berliner Fotografin Debora Ruppert hat sich diesen Fragen genähert und für ihr Projekt „Street Life Berlin“ sieben Jahre lang Obdachlose in der Hauptstadt porträtiert.

Im Vordergrund stand dabei nicht allein das Foto als Kunstwerk, sondern eine reiche Erzählung über den Menschen. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Frau Ruppert, viele künstlerische Arbeiten über Berlin sind eher glattpoliert, makellos oder zielen auf altbekannte Hauptstadtklischees ab. Obdachlose zu porträtieren ist dagegen sicher ein ungewöhnliches Fotoprojekt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das Projekt hat sich sehr spontan entwickelt. Ich hatte 2009 einen Ausstellungstermin bei der Kolonie Wedding. Ich wollte, dass die Ausstellung den Charakter des Wedding widerspiegelt. Ich wollte der Stadt - in dem Fall dem Soldiner Kiez, da dort die Ausstellung stattfand - lauschen. Was bewegt diesen Stadtteil? Was ist seine DNA? Seine Träume, Hoffnungen, Wünsche, aber auch seine Wunden und Enttäuschungen.

Im Wahrnehmen, Spüren und Sehen des Kiezes hat sich herauskristallisiert, dass ein Aspekt der Ausstellung Porträts von Obdachlosen sein sollten. Das war der Anfang. Damals hätte ich nie gedacht, dass sich daraus ein mehrjähriges Projekt entwickeln würde.

Wo sind Ihre Aufnahmen entstanden und wie haben Sie Ihre Modelle ausgewählt und die Menschen angesprochen?

Die Porträts sind an ganz unterschiedlichen Orten in Berlin entstanden: am Kotti, dem Leopoldplatz, am Bahnhof Zoo, am Alex, im Kleinen Tiergarten oder auf der Adalbertstraße. Orte, an denen sich Obdachlose auf der Straße treffen und „abhängen“. Ich habe mich zu den Gruppen dazugesellt, „Hallo“ gesagt und das Gespräch gesucht. Das hat sich dann meistens recht organisch entwickelt. Ich komme nicht, um Fragen zu stellen oder sie zu ihrer Lebensgeschichte zu interviewen, sondern ich komme, um ihnen zu begegnen.

Mir ist wichtig, dass ich meine Zuwendung, Zeit und Aufmerksamkeit nicht davon abhängig mache, ob jemand bereit ist, sich fotografieren zu lassen. Das heißt auch: Wenn jemand sagt, dass er kein Porträt möchte, bleibe ich trotzdem im Gespräch - weil ich vor allem gekommen bin, um Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken. Das ist nicht davon abhängig, ob sich jemand fotografieren lässt. Etliche Begegnungen wurden deswegen nie durch eine Kamera festgehalten oder dokumentiert.

Das klingt, als haben Sie dabei sehr unterschiedlichen Erfahrungen gemacht.

Ich bin offen für die Begegnung und was in dieser Begegnung dann geschieht, ist sehr stark abhängig von meinem Gegenüber. Manchmal unterhalte ich mich mit Einzelnen, mal mit einer ganzen Gruppe.

Die Themen der Gespräche sind sehr stark von der spontanen, zwischenmenschlichen Dynamik geprägt. Ich gehe mit keiner vorgefertigten Agenda oder mit einem Fragenkatalog auf den Einzelnen zu. Erzähle ich, dass ich an einem Fotoprojekt arbeite, sind viele erstmal abweisend und wollen sich nicht fotografieren lassen. Da ist es mir wichtig, ihre Grenze und ihre persönliche Entscheidung zu respektieren. Prozentual kann man sagen, dass sich aus einer Gruppe von acht bis zehn Wohnungslosen zwei gerne fotografieren lassen möchten.

Wenn ich mich verabschiede, sage ich ihnen, dass ich wiederkomme und ihnen die entwickelten Bilder als Geschenk mitbringen werde. Ich habe das Gefühl, dass mir viele nicht glauben. Ich denke auf der Straße haben etliche viele Enttäuschungen von Menschen, die ihnen sehr nahe standen, erlebt und sind dadurch misstrauisch geworden. Sie sind sehr vorsichtig, bevor sie Vertrauen schenken.

Es sollte also nie bei einer einzigen Begegnung bleiben?

Nein, ein paar Wochen später radele ich dann mit den entwickelten Fotografien im Din-A4 Format zurück zu den Plätzen, wo wir uns begegnet sind. Die Überraschung und das ungläubige Staunen, dass ich wirklich wieder gekommen bin, sind meistens groß. Nicht alle Porträtierten finde ich wieder. Manchmal fahre ich zwei- oder dreimal zu einem Ort und habe kein Glück, sie nochmal anzutreffen.

Manche sind, wenn ich wiederkomme, auch so stark alkoholisiert und stoned, dass sie nicht richtig mitbekommen, wenn ich ihnen das Porträt gebe. Aber ich gebe es ihnen in den Momenten trotzdem, weil ich froh bin, dass ich sie überhaupt wiedergefunden habe. Bei anderen, die ich nüchtern antreffe, habe ich das Gefühl, dass sie oftmals sehr berührt davon sind, sich selbst auf dem Foto zu sehen und dass ihre Selbstwahrnehmung und ihr Selbstbild ganz anders ist als das Porträt. Sie lachen dann oftmals verlegen. Manche zeigen die Aufnahme auch ganz stolz ihren Kumpels.

Die Art, wie sie es in den Händen halten oder manchmal auch an sich drücken, zeigt mir, dass es kostbar für sie ist. Ich habe in diesen Momenten das Gefühl, dass manche in dem Porträt den herzlich zugewandten Blick durch die Kamera hindurch spüren und es ihnen etwas an Würde, Selbstwert und Identität zurückgibt. Wenn ich mit den entwickelten Bildern zurückkomme, bildet sich oftmals eine kleine Traube von Wohnungslosen um mich herum und dann möchten etliche gerne doch auch fotografiert werden. Dass ich wiederkomme, schafft Vertrauen.

Ihre Aufnahmen wirken wir ein kleiner Befreiungsakt in Schicksalen der allgegenwärtigen Not. Sie versuchen mit diesem Projekt einen Perspektivwechsel auf das Schicksal der Obdachlosen?

Ich habe diese Fotoserie sehr intuitiv begonnen und mit keiner vorgefertigten Agenda. Der Blick durch die Linse offenbart natürlich immer auch etwas von der Sicht des Fotografen auf die Welt. Ein Fotografie ist immer auch eine Art Selbstoffenbarung des Künstlers. Auch wenn er hinter der Kamera steht, findet sich etwas von ihm in der Arbeit wieder. Gleichzeitig ist das Porträt eine Momentaufnahme der Beziehung und der Interaktion des Porträtierten und des Fotografen - wie ein visueller Dialog.

Was man als Betrachter auf den Fotografien sieht, ist quasi meine Perspektive auf die Menschen. Ich gehe relativ offen und freimütig auf sie zu und versuche ihnen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen - unabhängig davon, in welcher gesellschaftlichen Position sich jemand befindet. Ob jemand wohlsituiert ist oder zur Zeit auf der Straße lebt.