Schilder warnen vorm Betreten der Baustelle neben der alten Eisfabrik, vor Wachdienst und Anzeige bei der Polizei. Seitdem auf Instagram Bilder des neuesten 1up-Schriftzugs aufgetaucht sind, gesprayt vom Londoner Künstler Fanakapan, pilgern täglich Dutzende Streetart-Fans aus aller Welt in den Bona-Peiser-Weg nach Kreuzberg. Passanten bleiben stehen und fotografieren das Wandbild mit den riesigen Lettern, die wie schwebende Luftballons aussehen – durch den Bauzaun, die meisten jedenfalls.

Streetart boomt in der Region. Befeuert durch das Internet, durch Instagram und lokale Seiten wie „Berlinstreetart“, „Streetartberlin“ und „Berlingraffiti“(je mehr als 120.000 Fotos) sowie internationale Seiten wie „Graffiti“ (37,6 Mio.) oder „Mural“ (8 Mio.), zieht Berlin inzwischen viele, vor allem junge Touristen an, die wegen eben dieser Bilder kommen.

Und immer mehr Stadtführer bieten „Graffiti & Urban Art“-Touren an, an Streetart-Hotspots wie der altbekannten East Side Gallery oder dem Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße drängen sich bei gutem Wetter Hunderte, die ihre Fotos gleich wieder auf Instagram hochladen.

Was einst als Schmiererei abgetan wurde (und es oft auch war und manchmal noch ist), wird immer mehr zu einem Wirtschaftsfaktor. Wie in Los Angeles, New York und London. Aus grauen Hauswänden werden Flächen für die Kunst, Hauseigentümer geben Brandmauern frei.

Einen Banksy hat Berlin noch nicht hervorgebracht

In Berlin und Brandenburg hat die Streetart-Szene aber noch ganz andere „Leinwände“ für sich entdeckt. Leerstehende Fabriken und Brauereien, dem Verfall preisgegebene Sanatorien, von der Sowjetarmee verlassende Kasernen und Bunker. Sogenannte Lost Places, die sich nach und nach in illegale Streetart-Galerien verwandeln. Die größte dieser Art ist das Heeresbekleidungshauptamt der Wehrmacht in Bernau, das gerade Teil eines neues Wohngebiets wird. Sprayer aus der ganzen Welt haben hier Hunderten Räume Farbe gegeben.

Einen Banksy hat Berlin noch nicht hervorgebracht, aber immer mehr Künstler, die den Sprung aus der Illegalität in die Galerien geschafft haben und von ihren Arbeiten inzwischen leben können. Auch wenn es sie und ihre Kunst trotzdem immer wieder auf die Straßen und in die Lost Places der Region zieht – dorthin, wo Streetart herkommt und ihre Kraft voll entfalten kann. Wir stellen fünf der angesagtesten Berliner Künstler über ihre Kunstwerke vor und sagen, wo man diese findet: Plotbot Ken, Anders „Stroke“ Gjennestadt, 1up, Tobo und liz_art_berlin.

Der Schriftzug 1up von Fanakapan in dreidimensionaler Ballonschrift.
Foto: Henseke

1up: Die bekannteste Sprayer-Crew Berlins, eine der berüchtigtsten weltweit. 2003 in Kreuzberg gegründet, tragen sie ihren Schriftzug rund um den Globus - meist illegal angebracht. Motto: "Der urbane Raum gehört allen und darf bemalt werden. Graffiti ist keine Zerstörung." Der neueste Schriftzug leuchtet seit zwei Wochen am Bona-Peiser-Weg in Kreuzberg, gleich neben der alten Eisfabrik. An die Wand gebracht hat den Schriftzug aber nicht 1up selbst, sondern der Londoner Graffiti-Star Fanakapan, umrahmt von den Zeichen der Berlins Kidz. Fanakapan sprayt, als würden seine Kunstwerke wie silberglitzernde, dreidimensionale Luftballons in den Himmel entschweben. Ein zweites Wandbild von Fanakapan ist in der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg zu bestaunen - Snoopy, der einem Luftballon hinterherschaut.

Die Schattenmänner von Stroke.
Foto: Henseke

Anders "Stroke Gjennestad: Menschen in Bewegung, die Schlagschatten werfen. Immer in Schwarz-weiß. Das sind die Markenzeichen von Stroke: ein 39-jähriger Norweger, der in Berlin lebt. Wer sich für Lost Places interessiert, verlassene Gebäude, stößt irgendwann auf seine Arbeiten. Wie auf das Bild "Kniestand", das in die Trümmer eines Badezimmers im Heeresbekleidungshauptamt Bernau eingearbeitet ist. Arbeiten von ihm finden sich auch im VEB Kühlautomat in Johannisthal, im Lokrundschuppen Pankow, im Chemiewerk Rüdersdorf. Inzwischen stellt Stroke auch in renommierten Galerien aus. Für seine Werke werden fünfstellige Summen gezahlt.

Die Vogelscheuche, eines der berühmtesten Motive von Plotbot Ken
Foto: Henseke

Plotbot Ken: Er ist der Meister der Dunkelheit. Seine Arbeiten wollen den Betrachter erschrecken. Endzeit-Menschen mit Gasmaske, mutierte Tiere, Vogelscheuchen. Am liebsten auf Kessel und Wände in Industrieruinen (Chemiewerk Rüdersdorf, VEB Kühlautomat Johannisthal), Militärgebäuden (Teufelsberg) und Kliniken (Beelitz-Heilstätten, Buch) aufgebracht. Er kombiniert Arbeiten mit Schablonen, Graffiti und vor Ort gefundenes Material.

"Adults suck! Then you are one!" von Tobo.
Foto: Henseke

Tobo: "Adults suck! Then you are one!" (Erwachsene sind scheiße! Und dann bist du selber einer"). Mit neunmalklugen Sprüchen hat sich Tobo einen Namen gemacht. Besser gesagt Erik Rotheim, sein Berliner Bär mit der langen Schnauze und den coolen Sprüchen. Tobo war bei "Wandelism" dabei, hat in den Kasernen gegenüber dem Olympischen Dorf in Elstal Dutzende Eriks gesprüht und gefühlt den halben Teufelsberg bemalt. Sein Herzensprojekt: die Stammbahnbrücke in Dreilinden.

Liz_art_berlin ist für ihre Katzenfrauen bekannt.
Foto: Henseke

Liz_art_berlin: "Catwoman" und ihre anderen Frauenfiguren tauchen immer öfter in der Stadt auf. Als Past-up, als Miniplakate, die an den S-Bahnbögen zwischen Alex und Hackescher Markt kleben, rund um den Boxhagener Platz oder im Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße. Erst seit 2016 dabei, ist Liz schon eine der auffälligsten Streetart-Künstlerinnen. Auch mit der Aerosol-Sprühdose arbeitet sie - wie im alten Kinderkrankenhaus Weißensee (Foto).