Zwielichtige Hinterhöfe, ein paar brennende Mülltonnen. Davor ein paar schwarze Kleinkriminelle mit schlabbrigen Hosen und überdimensionalem Goldschmuck, Bling Bling, die sich von jungen, leichtbekleideten Frauen antanzen lassen und dabei über das „Thug Life“, das Gangsterdasein, im Ghetto rappen. Ist das HipHop? Oder nur ein beliebtes Standardschema für viele Musikvideos? Obwohl HipHop gerne mit Kriminalität, Drogen und Frauenfeindlichkeit in Verbindung gebracht wird, bereichert er die Musikindustrie und die Tanzwelt wie kaum eine andere Subkultur. Das Klischee vom breakdancenden Gangsterchen, vom rappenden Zuhälter, den Nutten und dem Koks hat längst ausgedient.

Old School wird geboren

New York, Mitte der 1970er: Während in Manhattans Clubs Donna Summer oder The Village People aus den Boxen dudeln, die Disco-Ära auf ihrem Höhepunkt ist, entwickelt sich in der South Bronx HipHop als Gegenkultur zum weißen amerikanischen Traum von Unterhaltung. In dem Ghetto leben hauptsächlich junge Afroamerikaner, die mit Armut und Arbeitslosigkeit kämpfen müssen.

Auf den sogenannten „block partys“ entwickelt sich zuerst das „DJ-ing“: Platten werden gemixt und gescratcht, Namen wie Kool DJ Herc und Afrika Bambaataa werden zu Göttern an den Turntables. Die ersten „B-Boys“ begründen das „Breaking“ als neuen Tanzstil für die beatlastige Musik. Dabei werden sie von „MCs“ mit Sprechgesang angefeuert, der sich später zum Rap entwickeln wird. Was in der Bronx als improvisierte Live-Performance anfängt, wird 1979 mit dem internationalen Hit „Rapper's Delight“ von der Sugar Hill Gang zum ersten Mal markttauglich gemacht. Die Folge: HipHop nimmt weltweiten Einfluss und wird zur Subkultur für diejenigen, die sich mit dem Lebensalltag im Ghetto identifizieren können.

Der deutsche HipHop wurde in den 90er Jahren besonders von Bands wie „Die Fantastischen Vier“ und „Fettes Brot“ geprägt. Heute geben hauptsächlich Berliner Pöbel-Rapper wie Bushido, Sido und Co. den Ton an. Beim HipHop geht es darum, zu zeigen, wer man ist und was man kann. Wer sich am Mikrofon mit schlagfertigen Reimen oder als DJ mit krassen Sounds durchsetzt, bekommt das Wertvollste: Respekt. Auch im Tanz geht es darum, sich zu beweisen. Überall dort, wo es eine lebendige HipHop Szene gibt, treten Gangs in Street Dance Battles gegeneinander an. Wie beliebt dieses Thema ist, zeigen nicht zuletzt Hollywood-Filme wie „Save the last Dance“ oder „Step up“.

Wer sich in Deutschland einem Battle stellen will, kann sich bei TAF Germany, dem deutschen Mitglied der International Dance Organisation (IDO), anmelden und so an Regional- und Gebietsmeisterschaften teilnehmen und sich für die deutsche Meisterschaft qualifizieren. Die nächste Weltmeisterschaft findet vom 24. bis 28. September in Bochum statt. In Berlin sind es Tanzschule wie die die der weltberühmten Breakdance-Truppe „Flying Steps“, die die verschiedenen Stile auf internationalem Niveau lehren.

„Im letzten Jahr sind über 10 000 Teams und Solotänzer in der Kategorie HipHop angetreten“, sagt Alexander Cristian, Deutscher HipHop Meister und Wertungsrichter bei TAF. Den weltweiten Erfolg von HipHop sieht er in den ausgedrückten Inhalten: „Wir sind alle verschieden und einzigartig – diese Individualität macht uns stark. HipHop vereint die unterschiedlichsten Menschen und zeigt, dass es Respekt allen gegenüber geben kann.“

HipHop kennt keine Regeln. Anders als bei Standardtänzen gibt es keine festgelegten Schrittfolgen, die eingehalten werden müssen. Genau das macht den Reiz aus: Der Tänzer improvisiert ohne Zwang und kombiniert Bewegungen, wie es ihm gefällt. Gruppen entwickeln dynamische Choreographien und spielen oft mit theatralischen Elementen (zum Beispiel Pantomime).

Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Tanzstile entwickelt, die drei prominentesten heißen „Breaking“, „Popping“ und „Locking“. Während sich das Breaking besonders durch schnelle akrobatische Moves in Bodennähe auszeichnet und den B-Boys und B-Girls einige Körperkraft abverlangt, werden beim Popping einzelne Körperteile isoliert bewegt und mit Muskelkontraktionen sogenannte „Pops“ ausgeführt. Die wohl bekanntesten Popping-Moves sind „der Roboter“ und Michael Jacksons legendärer „Moonwalk“. Das Locking, bei dem abgehackte, einrastende Bewegungen durchgeführt werden, wird meist mit dem Popping kombiniert. Für alle drei Stile sind Koordination und ein gutes Bewegungsgedächtnis hilfreich, Rhythmusgefühl ist wie bei allen Tänzen unabdingbar.