Mehr Platz, weniger Besucher, doch für die Anwohner im Kiez immer noch zu viel Rummel um die Markthalle Neun in Kreuzberg.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinEs ist ein heißer Sommerabend im quirlig-urbanen Kreuzberger Kiez rund um die Eisenbahnstraße unweit des Lausitzer Platzes. Junge Menschen haben sich vor der Markthalle Neun versammelt, unterhalten sich angeregt oder starren geduldig Löcher in die heiße Luft. Sie warten auf Einlass, um sich auf dem Streetfood-Thursday zu verköstigen. Seit Ende Juli hat die Markthalle Neun ihr renommiertes Markt-Event nach der Corona-Zwangspause wiedereröffnet: Von Allgäuer Kässpatzen über Pulled Pork bis zu brasilianischen Tapiocafladen ist hier für jeden Hipster-Gaumen etwas dabei. Doch das schmeckt im Moment nicht allen.

Draußen warten Mitglieder der Anwohnergruppe „Kiezmarkthalle“ und schütteln einhellig mit den Köpfen. „Es kann nicht wahr sein, dass Menschen aus aller Herren Länder in ein Wohngebiet kommen und die Corona-Ansteckung im Bezirk erhöhen“, empört sich Arif Büyük. Für seine Mitstreiterin Stefanie Köhne ist der Umgang der Markthalle mit einer Situation, in der steigende Corona-Infektionszahlen die Diskussion um eine zweite Welle anheizen, beispielhaft: Ein Gesamtkonzept, das mit überteuerten und eingeschränkten Angeboten nur auf Touristen ausgelegt sei, exkludiere nicht nur die Anwohner, sondern setze sie in Corona-Zeiten auch noch einer Gefährdung aus. „Die Markthalle Neun muss endlich zu einer Kiezmarkthalle mit Fokus auf die Gesundheit, Sicherheit und die Bedürfnisse ihrer Anwohner werden“, fordert Köhne.

„Zu voll, zu unübersichtlich“

Monika Zint wohnt im Kiez. Sie ist 80 Jahre alt und kann sich dem nur anschließen. Als jemand, der zur Risikogruppe gehört, sorgt sie sich um ihre Gesundheit und um die der anderen älteren Kiezbewohner. Wenn sie Besorgungen im Discounter Aldi tätigt, komme für sie nur der Vormittag infrage. „Alles andere ist mir zu voll, zu unübersichtlich“, sagt sie. Sie kritisiert, dass die Menschen aus dem Kiez bei Events wie dem Food-Market nur an den Schlangen der Markt-Besucher vorbeikämen, wenn sie sich aktiv als Aldi-Besucher zu erkennen geben. „Das traut sich aber nicht jeder.“ Wie die Anwohner, die hier in der Halle in dieser Zeit einkaufen wollen, mit dieser Situation umgehen sollen, dazu gibt es keinerlei Information seitens der Betreiber, ärgert sie sich.

Beim Gespräch mit den drei Erwähnten fällt immer wieder das Stichwort Aldi, ein alter Hut, an dem sich ein jahrelanger Konflikt zwischen Anwohnern und Betreibern der Markthalle entlädt. Die lauteste und mitgliederstärkste Anwohnergruppe, die „Kiezmarkthalle“ streitet für einen Verbleib der Discounter-Filiale in der Markthalle, der aus ihrer Sicht neben einer Lidl-Filiale der einzige bezahlbare Grundversorger in einem Stadtteil mit 20.000 Menschen ist. Für die Betreiber der Markthalle Neun, Florian Niedermeier, Nikolaus Driessen und Bernd Maier, dagegen ist der Aldi-Markt nicht vereinbar mit ihrem ökologischen Versorger-Konzept, sie würden viel lieber einen Drogeriemarkt in der Halle ansiedeln.

Stefanie Köhne, Arif Büyük und Monika Zint (v.l.) von der Anwohnergruppe „Kiezmarkthalle“.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Im März vergangenen Jahres sammelten die Mitglieder der „Kiezmarkthalle“ bei einer Petition über 5000 Unterschriften für den Aldi-Verbleib und appellierten an Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Die Grünen), die daraufhin mit Werkstattgesprächen den Dialog suchte. Im Sommer verkündeten dann die Betreiber, dass Aldi vorerst bleiben soll. Für die Anwohnergruppe ein trügerischer Frieden: „Aldi ist monatlich kündbar, das Problem, das wir haben, ist das gleiche geblieben“, sagt Stefanie Köhne und verweist auf die Aussage eines Mitarbeiters der Markthalle bei einer Diskussionsveranstaltung.

Besucher-Registrierung und Maskenpflicht

Doch was ist dran an den aktuellen Vorwürfen, die Markthallen-Betreiber würden fahrlässig mit der Gesundheit der Anwohner umgehen? „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir den Markt startklar für die Wiedereröffnung kriegen“, entgegnet Streedfood-Markt-Leiter Olivier Witzkewitz am Donnerstagabend. „Es gibt ein Hygienekonzept für die Halle, das alle behördlichen Auflagen erfüllt“. Ab 17 Uhr werden demnach Plätze für 300 Menschen abgezählt, 50 davon sind für Aldi-Kunden reserviert, Security-Mitarbeiter seien angehalten, die Besucher „proaktiv“ danach zu fragen, wohin sie es zieht: zu Aldi oder auf den hippen Streetfood-Markt. Nach Zählung würden nur so viele neue Besucher reingelassen wie rausgehen. Die Daten der Besucher würden selbstverständlich aufgenommen, Maskenpflicht gelte überall auf den Gängen und während des kompletten Aufenthalts, außer natürlich während des Essens, so Witzkewitz.

Schaut man sich auf dem Markt um, lässt sich nichts Gegenteiliges beobachten. Die wartenden Menschen vor der Tür werden mit Markierungen auf Abstand gehalten. Die Security überwacht die Registrierungen der Gäste und in der Halle halten sich die meisten an die Maskenpflicht. „Proaktiv“ nach Aldi-Kundschaft wird allerdings nicht gefragt. Und bei der Trennung von Food-Markt- und Aldi-Kunden wird die Rechnung wässrig. Wie will man den Überblick behalten, wer zu Aldi will und wer auf den Markt – und wer womöglich beide besucht? „Wir setzen viele Maßnahmen durch, um den Corona-Sorgen entgegenzutreten, und haben daher ständig im Blick wie viele Menschen sich gerade auf dem Streetfood- und im Aldi-Markt aufhalten“. Am Ende appelliere man aber auch an die Eigenverantwortung der Besucher, so Witzkewitz. 

Auffallend ist der großzügige Platz in der Halle. Lea Ligat, Presse- und Kommunikationsbeauftragte der Markthalle, erklärt, 70 Prozent der flexiblen Stände seien dafür weggefallen, was Platz schaffe und den Händlern, die vor Ort sind, den Umsatz sichere. Denn man sehe sich auch den Standbetreibern verpflichtet.

Der schwelende Konflikt

Und was ist mit den Anwohnern, ihren Bedenken, man ziehe Touristen an, die womöglich coronainfiziert seien? Ligat dementiert: „Gerade die Corona Pandemie hat gezeigt, wie stark die Nachfrage aus der Nachbarschaft ist. Wir sind ein Markt, und kein Event“, sagt sie. Der Vorwurf man ziehe Menschen aus aller Welt an, sei so nicht richtig: „Die Menschen kommen nicht wegen dem Street Food Markt nach Berlin“. Das ist sicherlich richtig, doch ein Touristenmagnet ist die Markthalle Neun allemal: Nach dem Streetfood-Schlemmen sitzen die Menschen um die Markthalle herum und bevölkern die Bürgersteige, bevor sie wieder in andere Kieze ausschwärmen.

Der Vorwurf der Anwohnergruppe „Kiezmarkthalle“, der Streetfood-Thursday gehe mit vernachlässigten Corona-Maßnahmen über die Bühne, kann so nicht bestätigt werden. Es scheint, der aktuelle Unmut ist nicht zu entkoppeln vom schwelenden Aldi-Konflikt, der die Fronten verhärtet hat. Für Arif Büyük von der Anwohnergruppe „Kiezmarkthalle“ ist das nicht voneinander zu trennen. Er erkennt denselben Geist am Werk, der dahinter stecke, den Lebensmittel-Discounter aus der Halle rauszubekommen: „Genauso wenig, wie man die Ängste vor der Gentrifizierung ernst nimmt, nimmt man die Gesundheit der Anwohner ernst. Wir sind hier Ballast.“