Streichelpate im Tierheim: Die Katzenflüsterer

Berlin - Die schwarz-weiße Flora hat sich neben dem Stuhl ausgestreckt, auf dem Anita Ruhlemann (35) Platz genommen hat. Die Bürokauffrau spricht zu ihr, ganz ruhig – über das Wetter, über das Futter im Schälchen, über das Spielzeug, das vor ihr liegt. Im Hintergrund der großen Gemeinschaftsbox schauen die schwarze Vichy, der einäugige Kater Oleg und Micky, der vor Jahren bei einem Kampf seinen Schwanz verloren hat, zu.

Was erzählt wird, ist den Tieren egal, sie können es ja nicht verstehen. Es kommt ihnen nur auf die Stimme an: unaufgeregt, angenehm weich klingend. Anita Ruhlemann ist eine Katzenflüsterin – Streichelpate heißt das im Tierheim offiziell.

Etwa zehn Männer und Frauen kümmern sich regelmäßig darum, dass ausgesetzte, verwilderte, gequälte Katzen wieder Vertrauen zu Menschen gewinnen. Sie sprechen zu den Tieren, spielen mit ihnen oder sitzen einfach nur da, gemeinsam mit ihnen in den Gehegen des Katzenhauses.

„Dadurch, dass die Katzen wieder an Menschen gewöhnt werden, steigt ihre Vermittlungschance“, sagt Renate Wesselhöfft (74). Die frühere Diplomchemikerin, schon zu DDR-Zeiten im Katzenschutz aktiv, hat die ehrenamtliche Streichelpaten-Bewegung ins Leben gerufen. Sie möchte damit dazu beitragen, dass Tierheim-Katzen möglichst schnell wieder ein Zuhause finden. Zurzeit werden in der Einrichtung mehr als 800 Katzen betreut – ausgesetzte Tiere, Nachkommen von Straßenkatzen, Tiere, deren Halter gestorben sind oder keine Zeit mehr für sie haben.

Mit Geduld und Ausdauer

„Unsere Gehege sind übervoll“, sagt Stephanie Eschen, Sprecherin des Tierschutzvereins für Berlin und Umgebung (TVB), der das Tierheim im Falkenberger Hausvaterweg 39 betreibt. Auch deshalb freut sie sich, dass die Streichelpaten die Katzen fit für die Vermittlung machen.

„Wir haben keine Zeit, um lange mit den Katzen zu spielen oder bei ihnen zu sitzen, auch wenn das oft nötig wäre“, sagt Tierpflegerin Mirjam Koppe. Denn Streicheleinheiten seien für die Tiere sehr wichtig. Sie freue sich deshalb immer, wenn Anita Ruhlemann und ihre Mitstreiter kommen: „Das sind andere Bezugspersonen, die müssen nicht rasch die Gehege saubermachen, sondern bringen Zeit für ihre Schützlinge mit, auch zum Schmusen.“

Dreimal pro Woche kommt Ruhlemann, die in Köpenick wohnt, zu ihren „Patenkindern“. Sie arbeitet halbtags in der Firma ihres Mannes. Andere Streichelpaten sind Rentner oder Freiberufler. Alle wurden zum Verhalten von Katzen, ihrer Körpersprache und ihrer Macken geschult, alle haben „ihre“ Tiere, um die sie sich speziell kümmern.

Paten-Chefin Wesselhöft sagt, dass es eine auf längere Zeit angelegte Tätigkeit sei: „Mindestes ein halbes oder ein Jahr sollten die Paten einplanen, mehrmals in der Woche etwa zwei Stunden.“ Denn die häufig traumatisierten Katzen, die ja ihrer ursprünglichen Umgebung entrissen worden seien, brauchten Menschen mit Geduld und Ausdauer.

Flora sei anfangs sehr ängstlich gewesen, sie habe sich versteckt, wenn sie kam, sagt Anita Ruhlemann. Manchmal habe sie auch böse gefaucht. „Mittlerweile frisst sie mir schon aus der Hand“, sagt sie. Nicht nur Anita Ruhlemanns sanfte Stimme hat dazu beigetragen: „Ich habe auch ein, zwei kleine Tricks“, sagt die junge Frau, die schon zwei Katzen aus dem Tierheim zu sich nach Hause geholt hat. Manchmal, erzählt sie, stecke sie sich Baldrian, den Katzen über alles lieben, in die Hosentasche: „Da rieche ich dann besonders interessant für sie.“

Wer Streichelpate werden will, kann sich in der Tierheimleitung unter Tel. 76 888 127 melden.