Die Eurowings-Schalter in Berlin-Tegel blieben am Montag leer.
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Berlin-TegelMallorca erst mit drei Stunden Verspätung? Marina Spranger und ihre 15-köpfige Reisegruppe kann das nicht aus der Ruhe bringen. Die Freunde sind mit zwei Bussen aus der Nähe von Chemnitz angereist, wollen eigentlich wie jedes Jahr zu Silvester in die Wärme. Jetzt aber sitzen sie in Jogginghosen am Flughafen Tegel, vor ihnen auf den Koffern: eine Packung klare Kurze. Sicher, es sei ärgerlich, einen halben Urlaubstag zu verlieren, sagt Spranger. „Aber wir sind ganz entspannt.“ Kommt die Einstimmung auf den Ballermann eben schon in Tegel, was soll’s.

Drei Tage lang – von Montag bis Mittwoch um Mitternacht – bestreikt die Gewerkschaft Ufo die Lufthansa-Billigtochter Germanwings. Europäische Verbindungen – wie die von Marina Spranger – fängt das Unternehmen durch den Einsatz anderer Billiglinien aus dem Ausland auf, die unter der Dachmarke Eurowings fliegen. Rund 180 innerdeutsche Flüge fallen in den Tagen zwischen den Jahren aber ganz aus. Die betroffenen Flüge wurden in den Tagen zuvor gestrichen, die Kunden informiert, die allermeisten Passagiere sind deswegen gar nicht erst gekommen. Besonders betroffen von dem Streik ist die Heimatzentrale von Eurowings, der Flughafen Köln/Bonn. Doch auch in Tegel bleiben 36 Flieger am Boden.

Marina Spranger konnte ihren Urlaub erst verspätet antreten.
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Alle deutschen Germanwings-Flüge wurden gestrichen

Eurowings bemüht sich am Montag, die Ausmaße des Streiks kleinzurechnen. 1200 Flüge habe Eurowings im Angebot, davon würden über 1000 auch stattfinden – und damit würden 85 Prozent des Flugangebots wahrgenommen, teilt ein Sprecher mit.

Auf der Seite der Streikenden lacht man über diese Einschätzung. 1200 Verbindungen böte Eurowings zwar insgesamt mit allen europäischen Fluglinien der Dachmarke an, alle deutschen Germanwings-Flüge aber hätten – wie von der Gewerkschaft beabsichtigt – gestrichen werden müssen: „Wir haben einen Wirkungsgrad von fast 100 Prozent“, sagt Daniel Flohr, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo).

Verlängerung des Streiks möglich

Und der dreitägige Streik zur Feiertagszeit könnte noch lange nicht das Ende des Arbeitskampfs sein. Denn die Fronten zwischen Gewerkschaft und Lufthansa sind laut Ufo „maximal verhärtet“, die Aussicht auf ein Einlenken des Verhandlungspartners gering. Eine Ausweitung auf andere Streiktage und weitere Fluggesellschaften sei denkbar, so Flohr, wenn Lufthansa am Verhandlungstisch nicht bald Entgegenkommen zeige.

In den nächsten Tagen werden noch weitere Flüge ausfallen.
Foto: AFP/John Macdougall

Im aktuellen Streit geht es der Gewerkschaft vor allem um zwei Themen. Erstens: Teilzeitregelungen für die Beschäftigten. Billigflieger wie Germanwings fliegen kurze Strecken, die innerhalb eines Tages leicht zu absolvieren sind. Sie sind deswegen besonders attraktiv für Frauen und Männer, die Teilzeit arbeiten wollen oder müssen. Die Ufo fordert einen eigenen Tarifvertrag Teilzeit für Germanwings. Das Unternehmen hat bisher das Übertragen des Tarifvertrags Teilzeit der Lufthansa auf die Belegschaft der Billigtochter angeboten und ihn als den „besten Vertrag in der Industrie“ gelobt.

Auch darüber kann Daniel Flohr nur lachen. „Das ist Quatsch“, sagt er. „Ich kann keinen Maserati gebrauchen, wenn ich einen Lkw bräuchte.“ Die Arbeitsbedingungen bei Lufthansa und Germanwings seien grundverschieden, Germanwings fliege lediglich Kurzstrecke und stelle deswegen gänzlich andere Ansprüche an die Verfügbarkeit des Personals. Seit vier Jahren diskutiere man jetzt schon mit der Lufthansa darum, mit dem Streik zur Feiertagszeit wolle man noch einmal, wieder einmal, „den Druck erhöhen“.


Streik mit langer Vorgeschichte

  • Der Streik wird bis Mittwoch, 1. Januar, 24 Uhr, dauern. Er betrifft nur Germanwings, insgesamt fallen rund 180 Flüge aus.  Eine Fortsetzung des Streiks ist nicht ausgeschlossen – die Gewerkschaft Ufo macht das von der Reaktion der Lufthansa abhängig.
  • Bereits seit vier Jahren verhandelt die Gewerkschaft nach eigener Aussage mit der Lufthansa um die Teilzeitregelungen. Bereits im November hatte es   einen Streik und Warnstreiks gegeben. Dabei wurden rund 1500 Flüge gestrichen, 200.000 Passagiere waren betroffen.
  • 800 Flugbegleiter sind bei Germanwings deutschlandweit insgesamt angestellt. Wie viele in Teilzeit arbeiten, erfasst Germanwings nach eigener Aussage nicht. Im Gegensatz zu Langstrecken-Flügen böte sich die Billiglinie aber gut für Teilzeit an, räumt ein Sprecher ein.

„Die Menschen sind maximal verunsichert“

Das zweite Thema wird aktuell offiziell nicht bestreikt, spielt beim Unmut der Beschäftigten, der sich gerade entlädt, laut Flohr aber eine noch größere Rolle: „Die Menschen sind maximal verunsichert.“ Germanwings sei in den vergangenen Jahren mehrfach komplett und spontan umgebaut, die Strukturen verändert worden.

Die Mitarbeiter würden dabei nicht einbezogen. Das Topmanagement versage in der Kommunikation. Mal habe es gehießen, dem Germanwings stehe eine blühende Zukunft bevor, dann wieder habe es Gerüchte um das Ende der Airline gegeben. „Es reicht nicht zu sagen: Wir erhalten einen Arbeitsplatz. Es geht darum zu klären: Welchen Arbeitsplatz denn eigentlich? Zu welchen Bedingungen?“, so Flohr.

Am 16. Januar neue Gespräche

Für Flohr ist deswegen das Wichtigste für ein Vorankommen der Verhandlungen nicht ein konkreter Punkt, sondern dass das Unternehmen überhaupt unter Beweis stelle, dass man „auf Augenhöhe mit den Leuten umgehen will“.

Eurowings hat auf die Forderung der Gewerkschaft bereits mit Unverständnis reagiert. Das Unternehmen befinde sich „im fortlaufenden konstruktiven Austausch“ mit der Gewerkschaft Ufo. Diese Gespräche sollten am 16. und 17. Januar fortgesetzt werden. Außerdem habe man am 23. Dezember – also kurz vor Ausrufen des Streiks – eine Moderation der offenen Themen angeboten. Die Ufo habe dieses Angebot „jedoch leider abgelehnt“. Der Streik zum jetzigen Zeitpunkt sei „unangebracht, unverhältnismäßig“ und fuße lediglich auf vorgeschobenen Streikbegründungen.