Streit um Bahntrassen nach Berlin: Verdrängt der Flixtrain den Intercity?  

Der Fahrplanwechsel ist in Sicht. Er wird auch den Berliner Fahrgästen Neuerungen bescheren – etwa  auf der Strecke nach Hamburg. Ein Überblick.

Ein Intercity der Deutschen Bahn. Noch fahren täglich bis zu sechs solcher Züge zwischen Berlin und Hamburg. Doch das könnte sich zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember ändern.
Ein Intercity der Deutschen Bahn. Noch fahren täglich bis zu sechs solcher Züge zwischen Berlin und Hamburg. Doch das könnte sich zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember ändern.imago/Wilfried Wirth

Noch sind nicht alle Entscheidungen getroffen, noch steht nicht alles fest. Doch es zeichnet sich ab, dass der Fahrplanwechsel Bahngästen zwischen Berlin und Hamburg Veränderungen bescheren wird. Möglich ist, dass von der Deutschen Bahn (DB) betriebene Fernzüge Platz machen müssen – für Züge des privaten Konkurrenten Flixtrain. Folge wäre, dass dort weniger Intercitys unterwegs wären. Auch zwischen Berlin und Dresden stehen Änderungen an. Doch es gibt auch gute Nachrichten.

Alle Jahre wieder: Knapp zwei Wochen vor Weihnachten steht im öffentlichen Verkehr der große Fahrplanwechsel an. In diesem Jahr ist es am 11. Dezember, dem dritten Advent, so weit. Auch im Fernverkehr auf der Schiene treten dann neue Fahrpläne in Kraft. Doch bevor die Zugfahrten final in die Unterlagen eingetragen werden, findet in jedem einzelnen Fall ein aufwendiges Verfahren statt. Das soll dem Grundsatz Rechnung tragen, Wettbewerb zu ermöglichen – damit die Fahrgäste profitieren. 

In Intercity-Zügen sind die Fahrpreise meist niedriger als im ICE

Für jeden Zug muss eine Trasse gefunden werden – ein Zeitslot, der nur ihm gehört. Auf stark nachgefragten Strecken kann es allerdings vorkommen, dass mehrere Zugbetreiber um dieselbe Fahrplanlage konkurrieren. Dann muss in einer umfangreichen Prozedur entschieden werden, wer den Slot erhält. Anders als im Luftverkehr gibt es keine Großvaterrechte, die bereits vergebene Trassen sichern.

Dass die Hamburger Bahn, die direkte Verbindung zwischen den beiden größten Städten in Deutschland, zu den umkämpften Strecken gehört, steht außer Frage. Sie ist auf weiten Entfernungen schnurgerade und erlaubt Geschwindigkeiten bis Tempo 230. Mit knapp 290 Kilometern ist sie nicht zu lang – als Bahnreisedistanz ist das ideal.

Ein Doppelstock-Intercity der DB unterwegs von Berlin nach Dresden. Im kommenden Jahr werden die meisten dieser Züge auf die Strecke Rostock–Berlin beschränkt.
Ein Doppelstock-Intercity der DB unterwegs von Berlin nach Dresden. Im kommenden Jahr werden die meisten dieser Züge auf die Strecke Rostock–Berlin beschränkt.dpa/Soeren Stache

So sind die ICE-Züge der Deutschen Bahn, die zwischen Berlin und Hamburg die Hauptlast übernehmen, meist gut gebucht. Doch dort verkehren auch Intercity-Züge und ein Eurocity. Sie sprechen mit ihren niedrigeren Fahrpreisen ein größeres Publikum an und halten in jedem Fall unterwegs – wichtig für Fernpendler aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die in Wittenberge und Ludwigslust zusteigen können. Je nach Richtung gibt es fünf oder sechs Fahrten pro Tag. Flixtrain-Züge, die nicht mit DB-Tickets genutzt werden können, runden das Angebot zwischen den Millionenstädten ab. Für sie wird mit besonders niedrigen Tarifen geworben.

Jetzt schließen Beobachter aber nicht aus, dass sich das Angebotsspektrum zum Fahrplanwechsel im Dezember spürbar verschiebt. Die Chancen sind groß, dass der größte Teil der Intercity-Züge zwischen Berlin und Hamburg im neuen Fahrplan nicht mehr verkehren kann. „Auf diesem Teil der Linie 27 könnten vier Zugpaare wegfallen“, sagte ein Beobachter der Berliner Zeitung. Dann bliebe nur ein kleiner Rest übrig.

Mindestens eine Direktverbindung Berlin–Kiel könnte wegfallen

Das würde nicht nur Fahrgäste betreffen, die etwas günstiger als im ICE mit der DB zwischen Berlin und Hamburg reisen wollen. Auch Reisende von und nach Wittenberge und Ludwigslust müssten sich teilweise andere Verbindungen suchen. Zudem bestünde die Gefahr, dass mindestens einer der beiden täglichen Direktzüge Berlin–Kiel entfallen muss. Für DB-Fahrgäste würde auch dies Umsteigen, Anschlussrisiken und längere Reisezeiten bedeuten.

Dem Vernehmen nach heißt der Trassenkonkurrent Flixtrain. Auch für den einzigen nennenswerten privaten Fernzugbetreiber in Deutschland ist die Hamburger Bahn eine wichtige Verbindung. „Wir haben die Trassen wie jedes Jahr offiziell beantragt, einige wurden uns zugeteilt, andere nicht“, sagte Sebastian Meyer, Sprecher von FlixMobility, am Freitag. Das Unternehmen habe keine Kenntnis vom künftigen DB-Angebot.

Direkte Strecke Berlin–Dresden wird knapp acht Monate unterbrochen

Zwischen Berlin und Dresden wird das Fernzugangebot im neuen Fahrplanjahr 2023 aller Voraussicht nach ebenfalls anders aussehen als derzeit. Hier geht es nicht nur um Trassenkonflikte. Hauptthema sind die Bauarbeiten auf der Dresdner Bahn, für die von April bis November 2023 zwischen Glasower Damm-Süd und Rangsdorf beide Gleise gesperrt werden müssen. Anlass sind umfangreiche Arbeiten in Blankenfelde. DB Netz hat zudem den Umbau des Bahnhofs Zossen in die Sperrzeit gelegt.

Außer dem S-Bahn- und dem Regionalverkehr sind auch die Fernverbindungen betroffen, so die Bahn. Die Eurocity-Züge von und nach Berlin, Dresden und Prag werden über Jüterbog sowie Falkenberg umgeleitet, die Fahrzeit verlängert sich um etwa 20 Minuten. „Die Intercity-Züge Warnemünde–Berlin–Dresden entfallen zwischen Berlin Flughafen BER und Dresden. Lediglich die zwei Zugpaare von und nach Chemnitz werden umgeleitet, allerdings dann ohne Halt in Dresden. Sie werden über Riesa direkt nach Chemnitz fahren“, hieß es bei dem Unternehmen. Damit wird das DB-Angebot zwischen Berlin und Dresden in dieser Zeit ungefähr halbiert. Wie außerdem bekannt wurde, wird auch für den Railjet, der Berlin mit Wien und Graz verbindet, auf der Dresdner Bahn wahrscheinlich kein Platz mehr sein.

Mit dem ICE-Sprinter in fünfeinhalb Stunden nach Garmisch-Partenkirchen

Es gibt allerdings auch erfreuliche Nachrichten, berichtete Marcus Grahnert aus Hamburg, der regelmäßig die Angebote der Bahn analysiert und im Netz zusammenstellt. So schrumpft die Fahrzeit zwischen Berlin und Garmisch-Partenkirchen in Oberbayern dank einer neuen direkten ICE-Sprinterverbindung auf rund fünfeinhalb Stunden. Gefahren wird sonnabends ab dem 27. Mai. An zwei Wochenendtagen in der Saison können die Berliner auch nach Kufstein, Wörgl, Jenbach und Innsbruck ohne Umsteigen mit dem ICE reisen.

Ein Zug auf dem Hindenburgdamm zur Insel Sylt. Trassenkonflikte mit Flixtrain führten dazu, dass es in der nun endenden Fahrplanperiode monatelang keinen durchgehenden Intercity von Berlin nach Westerland gab.
Ein Zug auf dem Hindenburgdamm zur Insel Sylt. Trassenkonflikte mit Flixtrain führten dazu, dass es in der nun endenden Fahrplanperiode monatelang keinen durchgehenden Intercity von Berlin nach Westerland gab.dpa/Carsten Rehder

Das mit Fernverkehrshalten nicht sehr üppig bediente Land Brandenburg wird von anderen neuen Angeboten profitieren. So soll ein neuer Intercity montags bis freitags Magdeburg mit Berlin verbinden – mit Halten in Brandenburg und Potsdam, berichtete Grahnert. Um 7.03 Uhr startet der Zug, sein Ziel, den Berliner Ostbahnhof, erreicht er um 8.40 Uhr. Von dort geht es um 17.22 Uhr zurück – Ankunft in Magdeburg ist laut Plan um 18.54 Uhr. An bestimmten Tagen gibt es zudem eine Direktverbindung nach Rügen. Der ICE verlässt Potsdam um 11.08 Uhr, das Ostseebad Binz wird um 15.37 Uhr erreicht.

Zwischen Berlin und Warschau könnte es ein weiteres Zugpaar geben, so Grahnert. Dadurch wächst die Zahl der Direktverbindungen auf bis zu sechs – je nach Wochentag. „Das steht nach meinen Informationen aber noch unter Vorbehalt“, so der Bahnexperte. Bauarbeiten auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Kassel und Fulda, die von April bis Dezember 2023 dauern sollen, bescheren den Berlinern umfangreiche Änderungen bei den ICE-Verbindungen nach Frankfurt am Main und darüber hinaus.

Neuer Fernzughalt am Bahnhof Zoo im Berliner Westen?

Der Verkehr zwischen Berlin und Amsterdam ist im neuen Fahrplanjahr ebenfalls von Bauarbeiten und Umleitungen betroffen. Dem Vernehmen nach könnte das zu einer Neuerung führen, die im Berliner Westen auf Wohlwollen stoßen dürfte: Im Gespräch ist, in den Sommerferien einen Niederlande-Intercity am Bahnhof Zoo halten zu lassen. Doch dazu will sich Grahnert noch nicht äußern.