Berlin - Er hat einen der umstrittensten Jobs, die es in dieser Region gibt. Wenn sich Bürger mal wieder über Fluglärm beklagen, mehr Schallschutz einfordern oder ein längeres Nachtflugverbot am neuen Flughafen BER verlangen, ist Ralf Kunkel gefordert. Als Sprecher der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) muss er die offizielle Linie vertreten und rechtfertigen.

Kein Wunder, dass sich offenbar auch bei ihm manchmal Ärger aufstaut – Ärger über all jene, die Front gegen den BER machen. In einer Vortragspräsentation, die jetzt an die Öffentlichkeit kam, hat der Leiter der Pressestelle seinem Ärger über kritische Anwohner Luft gemacht. Von radikalen Egoisten ist die Rede, von Wutbürgern und einer Kakophonie der Experten. „Kritische Bürger werden als Störenfriede gesehen, nicht als Menschen, mit denen man umgehen muss“, sagte Martin Delius (Piraten). Der Vortrag zeige, dass es der FBB nicht um Transparenz geht – anders als stets versprochen.

Der neue Flughafen gilt als Pannenprojekt der Superlative. So lag es offensichtlich nahe, dass Kunkel den Einführungsvortrag hielt, als es am 28. Februar beim Treffen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft im Ellington-Hotel um die Kommunikation von Krisen und schwierigen Themen ging.

Am Anfang seiner Präsentation steht die „Erfolgsgeschichte BER“. Doch schon bald geht es darum, was später in den Medien daraus geworden ist – nichts Gutes. Im Kapitel „Die Lawine rollt zu Tal“ zitiert der Flughafensprecher BER-kritische Schlagzeilen wie „Teurer und noch später“ oder „Mieter in akuter Not“.

Dann nimmt er die „Hochkonjunktur für Verschwörungstheorien“, Populisten und Experten sowie die seiner Meinung nach wankelmütige Politik aufs Korn. In einigen Schlagzeilen geht es um den Brandenburger Ministerpräsidenten und FBB-Aufsichtsratsvorsitzenden Matthias Platzeck (SPD), der sich für mehr Nachtruhe am BER einsetzt. Im letzten Kapitel stehen die Grenzen der Kommunikation im Mittelpunkt – so lautet auch der Titel des Vortrags.

„Die blockierte Republik“

Der erste Satz ist gleich ein Paukenschlag: „Großprojekte und Deutschland: Das ist fast nicht mehr möglich. Wir steuern geradewegs in die blockierte Republik.“ Kunkel stellt der „Vernunft der Mehrheit“ den „Eigensinn des radikalen Egoisten“ gegenüber.

Mit letzteren meint er Wutbürger, die selbst nach demokratischen Regeln getroffene Entscheidungen eigennützig attackierten. Den meisten Wortführern gehe es um Beschaulichkeit in Vororten, nicht um mehr Demokratie und Bürgerbeteiligung, so Kunkel. In einem Buchbeitrag ergänzt er, dass in den meisten Bürgerinitiativen Hausbesitzer den Ton angeben.

Dann nimmt der Sprecher abermals die Politik ins Visier: „Populistische Politik ist versucht, den Lautsprechern nachzugeben.“ Aber auch Journalisten werden kritisiert: Wenn besorgte Bürger selbst Vorgänge, die Jahrzehnte zurückliegen, skandalisieren, spielten die Medien „brav mit – der Quote und Auflage wegen“. Ihre Boulevardisierung schreite unaufhaltsam voran, im Zweifelsfall würden sie voneinander abschreiben. Der Flughafen sollte „klare Kante zeigen“ und Gerüchten sowie Falschmeldungen entgegentreten. Vor-Ort-Pressetermine auf dem BER sollten restriktiv gewährt werden, Presseleute bei Abgeordnetenbesuchen nicht dabei sein.

Piraten vermissen Transparenz

Inzwischen schlägt der Vortrag immer größere Wellen. Den Anfang machte die Neue Aktion, der Verein des BER-Kritikers und langjährigen Kunkel-Kontrahenten Ferdi Breidbach, der die 45-seitige Präsentation auf seiner Internetseite veröffentlichte. Kommentar: „Jeder, der nicht beim Anblick des BER-Baumurkses ’Glory, Glory, Halleluja’ anstimmt, ist also ein Egoist, der nur an seine Vorgartenidylle denkt und nebenbei die Wirtschaft ruiniert.“

Ein Sprecher der Friedrichshagener Bürgerinitiative kritisierte die „Kommunikationspolitik aus dem vorigen Jahrhundert, die Bürger als Feinde sieht“: „Großprojekte gewinnen nur an Akzeptanz, wenn beide Seite dialogfähig sind.“ Für den Flughafen stünden nicht Transparenz und Aufklärung, sondern Beschwichtigung und Public Relations im Mittelpunkt, sagte Martin Delius. In einer parlamentarischen Anfrage zitierte er aus Kunkels Vortrag.

„Die Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen,“ antwortete der Flughafensprecher. Er habe in seinem Buchbeitrag klar gemacht, dass es nicht nur Wutbürger, sondern auch Mutbürger gebe, die konstruktiv mitarbeiten. Dass die Flugrouten andere Verläufe nehmen als noch 2010 geplant, zeige, wie wertvoll Bürgerbeteiligung sein kann.

Der Link zum Vortrag:http://www.ber-na.de/files/microsoft-powerpoint---01_2013-02-27-krisenkommunikation_ber_kunkel-005bkompatibilita0308tsmodus005d---01_kunkel.pdf