Potsdam - Wer hoch hinaus will in Potsdam, der hat viele Möglichkeiten. Es kann einer der Hügel am Stadtrand bestiegen werden, der Brauhausberg etwa oder der Pfingstberg mit seinem Belvedere. Auch Schinkels Nikolaikirche direkt am Alten Markt ist ein prima Tipp für eine gute Aussicht über die Innenstadt, allerdings nur für Menschen ohne Angst vor sehr engen Wendeltreppen. Geht es nach den aktuellen Stadtoberen – also Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und seiner Koalition mit CDU, Grünen und weiteren Abgeordneten –, dann wird demnächst allerdings ein Aussichtspunkt in Brandenburgs Landeshauptstadt entfallen. Und einer hinzukommen.

Und das sorgt für so viel Streit wie selten zuvor.

Nur noch der Turm ist geplant

Jann Jakobs ist nicht ganz unschuldig daran. Er setzt sich seit Jahren für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten und später auf SED-Befehl gesprengten Garnisonkirche ein, einem höchst reizvollen Barockbau, allerdings auch höchst berüchtigt etwa durch den „Tag von Potsdam“ 1933. Es ist ein Projekt, gegen das noch kürzlich ein Bündnis aus jungen und alten Potsdamern, Kreativen und Nostalgikern, Kirchenfreunden und Atheisten Sturm lief. Der Plan wurde aus Geldmangel der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche inzwischen auf den 88 Meter hohen Turm eingedampft, der nun ohne das zunächst mitgeplante Kirchenschiff gebaut werden soll. Vor allem aber bremste Jakobs im vorigen Jahr ein gegen den Wiederaufbau gerichtetes Bürgerbegehren trickreich aus – um ein verbindlicheres Plebiszit zu verhindern. Auch dafür bekommt der Sozialdemokrat jetzt offenbar die Quittung. Und zwar an einem Ort ganz in der Nähe.

Das 60 Meter hohe Hotel Mercure, zu DDR-Zeiten ein klassisches Interhotel mit Promi-Besuch und Devisenbeschaffungsfunktion, soll nämlich nach dem Willen der Potsdamer Stadtregierung abgerissen werden. Das Haus an der Havel, direkt gegenüber dem rekonstruierten Landtagsschloss mit seiner Knobelsdorff-Optik, ist zwar gut ausgelastet, doch beschloss Jakobs’ Rathauskoalition bereits Anfang März gegen viele Widerstände in Parlament und Stadtgesellschaft, dass dort langfristig eine Grünfläche sein soll, genannt „Wiese des Volkes“. Die Entscheidung fiel zwar nach einem längeren „Werkstattverfahren“ für das Areal, das allerdings keinen einzigen Vorschlag inklusive Hotelerhalt hervorbrachte. Laut den Kritikern, etwa von der Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“, war dies auch gar nicht vorgesehen. Daher wird es jetzt doch ein Bürgerbegehren geben.

Am kommenden Freitag beginnt die Unterschriftensammlung (siehe Kasten) und sie richtet sich – in einer umständlichen, dafür rechtssicheren Formulierung – nicht nur gegen den Abriss des Mercure, sondern gleich auch noch gegen den der raumgreifenden, teils schon leergezogenen Fachhochschule an der Friedrich-Ebert-Straße und eines angrenzenden Wohnungsbaus. Es sind allesamt Bauten der DDR-Moderne, die die Initiatoren nicht vernachlässigt, sondern neu entwickelt und ins Stadtbild integriert wissen wollen. Die Wohnplatte könne saniert, die Fachhochschule als Kreativzentrum ausgebaut werden, das Hotel – dessen Betreiberkette im Übrigen eine Klage gegen die städtischen Abrissziele erwägt – sei ein etablierter Wirtschaftsbetrieb, so lauten nur einige der Argumente. Die Initiatoren stemmen sich damit gegen Potsdams Wiederaufbau-Trend in Richtung Vorkriegszustand, den unter anderem reiche Zugezogene wie der Ex-Moderator Günther Jauch oder der Software-Milliardär Hasso Plattner finanziell unterstützen.

Stillstand oder Urbanität

Die Stadt wiederum argumentiert, dass sie mit dem Verkauf lukrativer Grundstücke in ihrer historischen Mitte Geld einnimmt, mit dem die Innenstadt weiter belebt werden könne. Dass Oberbürgermeister Jakobs das Bürgerbegehren sehr ernst nimmt, zeigt eine Kolumne auf der Stadt-Homepage: „Bei diesem Bürgerbegehren geht es in Wahrheit nur am Rande um den bislang diskutierten Abriss des früheren Interhotels, vielmehr geht es um einen grundsätzlichen Stopp der Entwicklung in diesem innerstädtischen Bereich“, warnt Jakobs dort. Es drohe die Alternative „Stillstand statt lebhaftes, urbanes Stadtzentrum“. Er rät daher, was sein gutes Recht ist als Stadtoberhaupt, von einer Unterschrift ab.

Ob dies kommunikativ eine kluge Strategie ist, darf man bezweifeln. Die Gegner jener „Wiese des Volkes“ – an einer der meistbefahrenen Straßen der Stadt übrigens – dürfte dies eher noch motivieren, zumal bei vielen von ihnen noch die Trickserei in Sachen Garnisonkirche in schlechter Erinnerung ist. Auch damals wurden in kurzer Zeit ausreichend Unterschriften gesammelt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dies erneut gelänge.