Berlin - Ovidiu Mindrila geht langsam, den Blick nach vorn gerichtet. Er ist unrasiert, sein Anorak verschlissen. Er sieht die Schaufenster rechts und links nicht an und nicht den glänzenden Steinboden, in den die Namen der Modegeschäfte und Zitate von Gandhi, Ronald Reagan oder Barack Obama in goldenen Lettern eingelassen sind: „Völker der Welt, schaut auf Berlin.“

Kurz hinter den Rolltreppen bleibt er stehen und zeigt nach oben. „Da hab ich gearbeitet“, sagt er. Bauschutt abtransportieren und zu Containern bringen, das war eine seiner Aufgaben, Materialien dahin zu befördern, wo sie gebraucht wurden, eine andere. Es waren einfache Arbeiten, er hat nicht zu den Handwerkern gehört, die Wände einzogen und Scheiben einhängten, und nicht zu denen, die an den Details arbeiteten, die zeigen sollen, dass dieses neue Shopping-Center in Berlins historischer Mitte zwar zum Einkaufen da ist, aber irgendwie auch mehr darstellen soll.

Zehn Monate lang hat Ovidiu Mindrila auf der Baustelle gearbeitet, die ersten Monate lief alles gut, alle zwei Wochen wurde ihm Geld ausgehändigt, 800 bis 1000 Euro. Dann wurden die Zahlungen unregelmäßig. Und hörten schließlich ganz auf. Nun führt Mindrila einen Kampf, der zum Symbol werden könnte für die Missstände in einer ganzen Branche. Zusammen mit sechs Kollegen, alle aus Rumänien wie er, ist er vor Gericht gezogen, um seinen Lohn einzuklagen. Es geht um mehr als die 33.000 Euro, die die sieben zusammen fordern. Es geht um die Frage, wie es zugeht auf deutschen Baustellen, in einem Gewerbe, in dem ein Mindestlohn Ungerechtigkeit und prekäre Lebenssituationen eigentlich verhindern soll. Und wie es passieren konnte, dass die europäische Idee hier offenbar nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neues Unrecht geschaffen hat.

Aus der Wohnung geflogen

Ovidiu Mindrila geht weiter, auf den Hintereingang des Einkaufszentrums zu, dort, wo die neue Fassade der Mall of Berlin und die grauen Plattenbauten der Wilhelmstraße einander begegnen wie zwei Fremde. Er möchte sich nicht in einem der Cafés in dem Einkaufszentrum unterhalten, sondern lieber im Döner-Imbiss gegenüber. Hierher kam er im Dezember manchmal, um sich aufzuwärmen, wenn die Kälte nach ein paar Stunden im Freien unter die Kleidung gekrochen war und die Hände klamm geworden waren vom Schilderhalten. Als Ovidiu Mindrila und seine Kollegen nicht mehr weiterwussten, als sie aus ihrer Wohnung geflogen waren, weil sie ohne Lohn die Miete nicht mehr zahlen konnten, malten sie Plakate und stellten sich vor die Tür der im September eröffneten Mall of Berlin.

„Gebt uns unser Geld“ stand auf den Schildern, auf Deutsch und Englisch. Die meisten Passanten liefen weiter. Aber jemand gab ihnen die Adresse der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU), einer vor allem aus jungen Leuten bestehenden Basisgewerkschaft, die sich als antikapitalistisch versteht. Die Arbeiter gingen hin, zwei von ihnen konnten Englisch, sie erzählten, was passiert war. Die FAU versprach Hilfe. Die betrogenen Arbeiter, ausgebeutet beim Bau des prestigeträchtigen Konsumtempels in Berlins Mitte − ein Fall wie für sie gemacht. Am Ende traten sieben Bauarbeiter der Gewerkschaft bei, die stellte den Kontakt zu einer Anwaltskanzlei her.

Ovidiu Mindrila setzt sich an einen der Tische des Imbisses, er will nur einen Kaffee, schwarz. Er wirkt erschöpft, seine Augen bleiben auch beim Gespräch meist nach vorn gerichtet, sie gehen ins Leere oder zu dem jungen Mann mit dem Lockenkopf, der ihm gegenübersitzt. Hendrik Lackus ist erst seit kurzem Mitglied der FAU, er kann Rumänisch, hatte von dem Fall der Bauarbeiter gehört und wollte helfen. Bei den Terminen mit dem Anwalt, der Gewerkschaft und vor Gericht ist er nun der dringend benötigte Übersetzer.

Am Vormittag war wieder eine Güteverhandlung im Arbeitsgericht, die letzte. Arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen beginnen immer mit einer Güteverhandlung, manchmal einigen sich die Parteien dort schon und es gibt einen Vergleich. Das war diesmal nicht so, die Anwälte der zwei Baufirmen stritten ab, dass die Kläger bei den Firmen beschäftigt gewesen seien. Der Prozess geht weiter. Ovidiu Mindrilas Fall ist Mitte Juli dran.

Fast drei Monate. Dann erst wird er wissen, ob er die 5 372 Euro jemals bekommt, die er von der Baufirma Openmallmaster GmbH fordert, einem Subunternehmer des inzwischen insolventen Generalunternehmers, der Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH. Mindrila muss jetzt weitermachen, muss die Gedanken an das Unrecht wegschieben, das ihm passiert ist. Sein Leben ist ins Stocken geraten, seit er mit dem Pappschild in der Hand vor dem Einkaufszentrum stand. Manche Jobs musste er absagen, weil er jetzt manchmal solche Bauchschmerzen hat, dass er nicht aufstehen kann. Die Aufregung wegen des nicht gezahlten Lohns, glaubt er. Ein Arbeitsangebot in der Mall of Berlin, wo in den oberen Etagen immer noch an Wohnungen gebaut wird, hat er abgelehnt. Er will da nicht mehr hin.

Er lebt zurzeit in einer früheren Kita in Hellersdorf, die jetzt ein alternatives Wohnprojekt ist. Die Gewerkschaft hat ihm die kostenlose Unterkunft vermittelt, übergangsweise. Ein großer Raum mit einem Fernseher, einem Regal mit ein paar Lebensmitteln und drei an die Wand geschobenen Betten. Ovidiu schläft hinten links, vor dem großen Fenster, hinter dem ein Kastanienbaum gerade frische grüne Blätter bekommt. Eine Matratze, ein paar Anziehsachen, ein Nachttisch, darauf zwei kleine Boxen zum Musikhören und eine Packung Tabletten wegen der Magenschmerzen. Das ist sein Leben im Moment.

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