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Er sei ein Dieb. Er habe einen heiligen Stein entführt und die Pemón-Indianer in Venezuela bestohlen. Und deshalb müsse er den Felsen sofort nach Südamerika zurückbringen. Diese Vorwürfe und Forderungen erreichen derzeit den Bildhauer Wolfgang von Schwarzenfeld. Und er weiß kaum, wie er die Anschuldigungen aus Venezuela entkräften soll. Er hat auch keine Antworten darauf, wie er in diese politische Auseinandersetzung zwischen der Regierung Venezuelas von Staatspräsident Hugo Chávez und Deutschland geraten konnte.

Der Künstler Wolfgang von Schwarzenfeld lebt in Michendorf südlich von Berlin. Er ist 79 Jahre alt und hat immer das Abenteuer gesucht. Er umsegelte die Welt. Er hat 16 Tage lang im Nordatlantik überlebt, nachdem 1957 eine Welle sein Boot zum Kentern gebracht hatte. Dieses „Nahtod“-Erlebnis, sagt er, habe ihn auf die Idee seines Global Stone-Projekts gebracht: In den vergangenen 15 Jahren hat er von jedem Erdteil einen Stein nach Berlin geholt, um ihn im Großen Tiergarten auf der Wiese zwischen Sony-Center und Brandenburger Tor in einem Kreis abzulegen. Zugleich verbleibt ein sogenannter Geschwister-Stein im Ursprungsland.

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Von Schwarzenfeld beschreibt Global Stone als ein weltumspannendes Friedensprojekt – es soll helfen, die Menschen miteinander zu versöhnen, die Verständigung zwischen ihnen zu fördern. Doch genau das droht nun an dem Stein aus Venezuela zu scheitern. Der 35 Tonnen schwere Koloss ähnelt einem Wal und war 1999 der erste Felsbrocken, den von Schwarzenfeld nach Berlin brachte.

Der Stein stammt von der Hochfläche Gran Sabana im Südosten des Landes, zu der der Nationalpark Canaima gehört. Das Gebiet ist zugleich Heimat der Pemón, die zu den Ureinwohnern zählen. Sie behaupten, dass der Stein heilig sei. 50 Indianer protestierten deshalb in der vergangenen Woche vor der deutschen Botschaft in Caracas. Zuvor hatte das Parlament in der Hauptstadt Venezuelas einen Antrag auf den Weg gebracht, um den umstrittenen Stein wieder zurück in seine Heimat zu holen.

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Wolfgang von Schwarzenfeld mag das alles gar nicht glauben. „Wenn der Stein zurück nach Venezuela kommt, vernichtet das meine ganze Idee. Das belastet mich unheimlich.“ Bei diesen Worten versagt ihm fast die Stimme. Mit zahlreichen Dokumenten belegt von Schwarzenfeld, dass er den Stein nicht illegal außer Landes gebracht hat.

Er hat eine Schenkungsurkunde des „Instituto Nacional de Parques“, das dem venezolanischen Umweltministerium zugeordnet ist, sie ist auch von der deutschen Botschaft unterzeichnet. Er hat Zolldokumente, Ausreisepapiere. Viel wichtiger ist ihm aber: Er hat das Projekt mit den Häuptlingen der Pemón besprochen. Und nicht er habe den Stein ausgesucht, sondern die Naturschutzbehörde zusammen mit fünf Pemón-Indianern, die in der Nähe wohnen. „Hätte dieser Stein in ihrer Kultur eine Bedeutung gehabt, hätten sie mit Sicherheit einen anderen ausgewählt“, sagt der Künstler. Die Behauptung vom heiligen Stein sei eine Zwecklüge.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch Bruno Illius vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, der sich seit 1993 mit der Kultur der Pemón beschäftigt: „Der Stein hat nichts mit der Mythologie oder Religion der Pemón zu tun.“ Es handele sich nicht um einen versteinerten „Vorfahren der Ethnie“.

Das aber behaupten die Venezolaner, um die Rückforderung des Steins, den man nicht einmal anfassen dürfe, zu begründen. „Das alles ist eine Zwecklüge“, so der Künstler. Die Indianer mit ihrer Unwissenheit etwa über Wetterphänomene würden für politische Zwecke missbraucht.

Von Schwarzenfeld weiß in dem Konflikt das Auswärtige Amt hinter sich. Jedenfalls haben es das versichert. Vertreter aus Venezuela indessen haben angekündigt, wegen des Steins demnächst nach Berlin zu kommen. Warum holt der Künstler nicht einfach einen anderen Stein aus Südamerika? „Der Stein ist eine Schenkung, würde er zurückgegeben, wäre das wie eine Enteignung. Und, hören Sie, ich bin 79. Ich habe nicht mehr die Kraft.“