Berlin - Ratlos sieht Rifat Kazancioglu an diesem Abend aus. Er versteht die Aufregung nicht. Etwa 200 Menschen sind am Dienstagabend in den Saal der Bezirksverordneten an der Prenzlauer Allee gekommen, kein Platz ist frei. Es sind Bewohner von Heinersdorf. Und sie sind dagegen, dass Rifat Kazancioglu in ihrem Ortsteil eine Produktionshalle für Fleischverarbeitung baut.

Kazancioglu, 49, ist Inhaber des Fleischgroßhandels Hacilar. Er führt den türkischen Familienbetrieb in dritter Generation. 1974 zog er nach Deutschland, 1988 gründete seine Familie den Betrieb auf dem Fleischgroßmarkt in Moabit. Doch die Produktionshalle dort ist längst zu klein. „Dort können wir uns nicht vergrößern“, sagt der Unternehmer. 2011 kaufte er ein Gewerbegrundstück in Heinersdorf. Es schien gut geeignet. In diesem Jahr wollte Kazancioglu mit dem Bau der 16 Millionen Euro Halle beginnen. Doch daraus wird wohl erstmal nichts.

Denn viele Heinersdorfer lehnen das Bauprojekt ab, das Bezirksamt hat ihre Beschwerden gesammelt, etwa 1000 Einwände gab es. Frühzeitige Bürgerbeteiligung heißt das. 328 Meter lang soll die neue Halle sein, 60 Meter breit, 12 Meter hoch. Manche Kritiker vergleichen sie mit der Cargolifterhalle „Tropical Island“ in Brand. „Wenn dieses Gebäude in Heinersdorf genehmigt wird, werden weitere Gebäude in dieser Größe folgen“, sagt Sandra Caspers von der Zukunftswerkstatt Heinersdorf. Der Anwohnerverein organisiert den Protest.

Anwohner fürchten ökologische Schäden

In der Halle soll im 24-Stunden-Betrieb Fleisch vom Rind, vom Kalb, vom Lamm und Geflügel angeliefert, zerlegt, gelagert, zu Wurst verarbeitet und ausgeliefert werden. Anwohner fürchten zu viel Lieferverkehr, zu viel Lärm, sie reden über üblen Geruch, Ungeziefer und Abfall. Vielleicht sinkt der Wert ihrer Grundstücke, sagen sie. Und sie haben auch ökologische Gründe: „Durch den Neubau geht eine Frischluftschneise verloren“, sagt Sandra Caspers. Sie fordert, das Gewerbegebiet zum Wohngebiet umzuwandeln.

Ob Rifat Kazancioglu seine Halle in der gewünschten Größe bauen kann, werden die Stadtplaner im Bezirk in den kommenden zwei Jahren entscheiden. Für Gewerbe bleibt das Gelände auf jeden Fall erhalten.

Der Protest gegen den türkischen Fleischgroßhandel erinnert an die Auseinandersetzungen um den Bau der Ahmadiyya-Moschee in Heinersdorf, die 2008 eröffnete. Die NPD und rechte Gruppen beteiligten sich an den Protesten, Islam-Gegner wie der frühere CDU-Abgeordnete René Stadtkewitz gründeten die Partei „Die Freiheit“. Andere, die sich für ein friedliches und tolerantes Miteinander mit Muslimen einsetzten, gründeten die „Zukunftswerkstatt Heinersdorf“.

Der Generalsekretär der Partei „Die Freiheit“, York-Alexander Mayer, kündigte am Dienstagabend Widerstand an gegen den „Neubau einer türkischen Schlachterei“. „Nach dem Bau einer Moschee“, schreibt Mayer auf der Internetseite seiner Partei, „soll Heinersdorf mit einem 2. Bauprojekt aus dem Kulturkreis weiter islamisiert werden.“