Ein Flugzeug landet in Tegel. Bodenpersonal weist die Maschinen ein, lädt das Gepäck aus  und fährt die Passagiere in Bussen zum Terminal. Doch die Bezahlung ist schlecht.  
Wolfgang Kumm/dpa

BerlinDas wäre peinlich: Der BER ist endlich offen – aber es gibt nicht genug Personal, um alle Fluggäste rasch einzuchecken und ihr Gepäck zügig zu verladen. Das ist ein Chaos-Szenario, das die Gewerkschaft Verdi für realistisch hält, wenn die Beschäftigten der Bodenverkehrsdienste nicht besser bezahlt werden. Dazu haben Tarifverhandlungen begonnen, die am Donnerstag in die zweite Runde gehen. Verdi fordert einen auf acht Monate begrenzten neuen Tarifvertrag und Einkommensverbesserungen von 250 Euro brutto pro Monat.

„Unser Ziel ist es mit den Arbeitgebern am Verhandlungstisch zu einer Lösung zu kommen“, sagte Verdi-Sekretär Enrico Rümker. Das sei das vorrangige Ziel, betonte er. Allerdings schloss der Gewerkschafter nicht aus, dass es nach den Winterferien zu Arbeitskampfmaßnahmen kommen könnte, falls sich die Arbeitgeber nicht bewegen. Warnstreiks in Tegel oder Schönefeld – das wäre keine gute Nachricht für die Nutzer der Berliner Flughäfen.

„Ob die Inbetriebnahme des BER am 31. Oktober 2020 funktioniert, wird auch ganz wesentlich durch die Bodenverkehrsdienste entschieden. Sie sind eines der Schlüsselelemente für einen funktionierenden Flugbetrieb“, so Rümker. Die Mitarbeiter  steuern zum Beispiel auch die Busse, die Fluggäste übers Vorfeld fahren, sie winken die Flugzeuge ein und betanken sie. Derzeit arbeiten in Tegel und Schönefeld rund 2000 Menschen in diesem Bereich, für den die Wisag, die Aeroground und Swissport von der Flughafengesellschaft FBB Konzessionen erhalten haben.

Einstiegslohn derzeit 11,80 Euro pro Stunde

Eine bessere Bezahlung sei notwendig, um die jetzigen Beschäftigten zu motivieren, hieß es bei Verdi.  Momentan bekomme ein Mitarbeiter in der Gepäckverladung einen Einstiegslohn von 11,80 Euro brutto pro Stunde, später würden 13 bis 14 Euro gezahlt. „Allerdings arbeiten viele in Teilzeit, dann landen pro Monat oft nur 1400 bis 1600 Euro auf dem Konto“, sagte Rümker.  Weil der Luftverkehr in Berlin stark zugenommen hat, haben die Mitarbeiter immer mehr zu tun. Hohe Arbeitsbelastungen seien die Folge, sagte Rümker.

Bessere Löhne wären aber auch essentiell, damit die Dienstleister alle Stellen am neuen Flughafen besetzen können und möglichst viele Arbeitnehmer von Tegel nach Schönefeld wechseln. Andernfalls könne es sein, dass am künftigen Hauptstadt-Airport Arbeitsplätze freibleiben, warnte Verdi. Wer jetzt noch in Tegel arbeitet, denke darüber nach, ob er den weiten Weg und die höheren Gebühren für Mitarbeiter-Parkplätze am BER in Kauf nehmen soll. Zu wenig Personal: Für die Betriebsqualität am neuen Airport hätte das dramatische Folgen.

Das Auftaktgespräch mit dem Allgemeinen Verband der Wirtschaft für Berlin und Brandenburg  fand am 19. Dezember in einer „guten Atmosphäre“ statt, lobte Rümker. Allerdings habe die Arbeitgeberseite bereits klar gemacht, dass sie die Verdi-Forderung für zu hoch hält.   Beim zweiten Termin am Donnerstag soll es erste konkrete Verhandlungen geben. Das nächste Treffen ist zwei Wochen später geplant. Nach den Winterferien, die vom 3. bis 8. Februar dauern, folgt ein weiterer Termin. 

Kein Arbeitskampf in den Winterferien

Dem Vernehmen nach ist nicht ausgeschlossen, dass die Gewerkschaft in der Woche nach den Ferien Bilanz zieht – und je nachdem, wie kompromissbereit sich die Arbeitgeber zeigen, auch über mögliche Arbeitskampfmaßnahmen berät. Beteiligte legen aber Wert auf die Feststellung, dass diese Zwischenbilanz so terminiert wurde, dass der Luftverkehr in den Winterferien nicht betroffen wird. Verdi gehe es darum, am Verhandlungstisch ein Ergebnis zu erzielen, bekräftigte Rümker.  „Wenn das nicht gelingt, kann es zu Streiks frühestens ab Februar nach den Ferien kommen“, sagte er.

Die Dienstleistungsfirmen wollten sich nicht zu den Tarifverhandlungen äußern. „In Berlin und Brandenburg gibt es einen allgemeinverbindlichen Flächentarifvertrag für die Bodenverkehrsdienste. Deshalb bitten wir um Verständnis, dass wir uns als einzelnes Unternehmen zu den laufenden Verhandlungen nicht äußern“, sagte Kathrin Stangl vom Flughafen München, dem die Aeroground gehört. "Die Wisag wird zu einzelnen Fragen zum Tarifvertrag keine Stellung nehmen", so Sprecher Björn Hartmann.

Für die Bodenverkehrsdienste am BER werde „manch ein Mitarbeiter neu an Bord kommen und eingearbeitet werden müssen“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. „Doch die Aeroground, Wisag und Swissport bemühen sich intensiv, neues Personal zu rekrutieren.“ Der FBB gelinge das auch. „Unsere eigenen Mitarbeiter in Tegel, rund 550 an der Zahl, werden fast alle zum BER umziehen“, sagte er. „Von den 218 zusätzlichen Stellen, die wir für den BER geschaffen haben, konnten wir bereits 85 Prozent besetzen.“

Lütke Daldrup teilt auch nicht die Befürchtung von Verdi, dass es am BER zu wenig Hangarplätze für die Flugzeugwartung geben wird. „Auf der Selchower Seite gibt es bereits zwei große Hangars. Wir verfügen über drei weitere, voll erschlossene Bauplätze für Hangars. Dort können sofort neue Wartungshallen gebaut werden“, so der FBB-Chef. „Es ist also alles vorbereitet, und es gibt auch schon konkrete Interessenten. Außerdem haben wir gerade das ILA-Gelände übernommen, um langfristig Platz am BER zu haben.“