Streit um Lautstärke in Berlin-Prenzlauer Berg: Mietvertrag nicht verlängert – Theater o.N. muss ausziehen

Wieder trifft es eine etablierte Kultureinrichtung in Prenzlauer Berg – und wieder gibt es Streit um die Lautstärke, über die sich Nachbarn beschweren. Diesmal geht es um das Theater o.N. in der Kollwitzstraße 53, eine bekannte Spielstätte vor allem für Kinder. Die 15 Ensemblemitglieder müssen spätestens im Juli ihren angestammten Spielort verlassen. Den Mietvertrag, den die Truppe vor 20 Jahren abgeschlossen hat, wollen die Eigentümer des Hauses nicht verlängern. Das erfuhren die Theaterleute vor wenigen Tagen, nachdem die Miteigentümerversammlung diesen Beschluss gefasst hatte. „Damit droht das Kindertheater seine Spielstätte zu verlieren“, sagt Vera Strobel von der künstlerischen Leitung des Ensembles.

Und nicht nur das: Nach mehr als 30 Jahren Schauspiel verliert nun auch die erste freie Theatergruppe der DDR ihren langjährigen Spielort. Unter dem Namen Zinnober gründeten freie Schauspieler, Puppenspieler, Autoren und Regisseure Ende der 70er-Jahre ihr eigenes Theater. Sie schrieben Stücke und führten sie auf, eine Zeit lang hatten sie Spielverbot, sie durften für ihre Inszenierungen nicht als Ensemble auftreten. Freie Künstlergruppen sollte es so nicht geben, sie wurden in der DDR nicht gefördert. Später waren die Kulturverantwortlichen entspannter im Umgang mit Zinnober. Die Gruppe durfte für Gastspiele sogar in den Westen reisen.

Kein Off, ein On-Theater

Seinen Sitz hatte das Theater schon immer in Prenzlauer Berg, seit Mitte der 90-Jahre im Wohnhaus Kollwitzstraße 53, das damals mit Mitteln des Landes Berlin sozial saniert worden war. Der Senat hatte gefordert, dass in eine Gewerbeeinheit des Hauses eine gemeinnützige Einrichtung ziehen müsse. So kam das Theater zu seinen Räumen.

Nach der Wende änderte die Gruppe ihren Namen, aus Zinnober wurde Theater o.N. Wobei diese Abkürzung nicht für „Theater ohne Namen“ steht, wie viele Besucher vermuten, sondern für das Gegenteil von Off-Theater, also On-Theater. Oder Theater o.N.

Heute noch gehören einige Gründungsmitglieder zum Ensemble. Es wird seit langem von der Senatskulturverwaltung mit Geld unterstützt. Die Gruppe ist erfolgreich mit ihren Stücken und finanziell gesichert. Am Tag kommen Kinder, am Abend Erwachsene. Etwa 50 Zuschauer haben Platz.

Doch seit längerer Zeit gibt es Ärger mit den Bewohnern der Wohnung über den Räumen des Theaters. Sie beschwerten sich über die Lautstärke. Die Schauspieler verpflichteten sich, auf alles zu verzichten, was Lärm erzeugen könnte. Abends bauten sie die Bühne nicht mehr um, dauerhaft blieben die Fenster geschlossen. Sie reduzierten sogar ihr Programm, abends gab es nun weniger Veranstaltungen, und auf gar keinen Fall laute Musik. Die Kunst passte sich dem Ruhebedürfnis der Obermieter an, die Künstler nahmen die Einschränkungen hin. Ab 22 Uhr war es ruhig. Zudem gab das Theater die Zusage, zusätzliche Schallschutzdecken einzubauen, sollte der Mietvertrag verlängert werden.

Lärmgutachten erstellt

Doch die Obermieter gaben nicht auf, offenbar störten sie weiter die Geräusche des laufenden Theaterbetriebes. Sie ließen ein Lärmgutachten erstellen, auch die Theaterleute taten das: Die Messungen wurden verglichen. Es gab die Idee, sich in einem Vergleich zu einigen und den Streit zu beenden, doch dazu kam es nicht mehr.

Am Donnerstagabend beschloss die Miteigentümergemeinschaft, den Vertrag mit dem Theater nicht zu verlängern. „Diese Entscheidung zieht uns die Beine weg“, sagt Günther Lindner. Der Puppenspieler gehört seit 1980 zum Ensemble.

Die Gewerberäume werden neu ausgeschrieben, auch das Theater will sich wieder bewerben. Ob es überhaupt noch eine Chance hat, ist zweifelhaft. Die Schauspieler kündigen künstlerische Protestaktionen im Kiez an, sie wollen weiter in Prenzlauer Berg Theater für Kinder machen. Am vorigen Freitag versammelten sich schon mal rund 50 Freunde, Kollegen und Förderer vor der Spielstätte, um gegen die Entscheidung der Hausbewohner zu protestieren. Solche Aktionen soll es fortan regelmäßig geben.

Der aktuelle Fall erinnert an vergleichbare Auseinandersetzungen in Prenzlauer Berg in den zurückliegenden Jahren. Der Knaack-Klub in der Greifswalder Straße musste schließen, weil sich Nachbarn in einem nahe gelegenen Neubau über die Musik im Klub beschwert hatten. Ende 2010 war es vorbei mit dem Knaack. Auch das Magnet machte dicht und wechselte nach Kreuzberg. Ein neues Knaack-Klubhaus soll jetzt nahe dem Mauerpark errichtet werden. Eröffnung könnte 2018 sein.

Nachbarn bekommen Recht

Der Club Icon in der Cantianstraße machte 2012 nach 15 Jahren, zu, auch dort hatten sich neue Nachbarn über den nächtlichen Clubbetrieb beschwert, vor allem die Gäste vor der Tür störten sie. Anfang 2012 endete auch die Geschichte vom Club der Republik in der Pappelallee. Dort wurden Eigentumswohnungen gebaut. Der Club zog nach Pankow. Aus der Rykestraße verabschiedete sich die Bar zum schmutzigen Hobby .

Die Betreiber wehrten sich, doch Ämter und Gerichte gaben den Nachbarn recht, die sich beschwert hatten. Manchmal kündigten auch Investoren, weil sie mit Neubauten und neuen Mietern mehr Geld verdienen als mit Kulturbetrieben.