Berlin - Es gilt als eines der wichtigsten Verkehrsprojekte in Berlin, und es wird vielen Fahrgästen nützen. Ein zweiter Nord-Süd-Tunnel für die S-Bahn soll neue Kapazitäten und zusätzliche Verbindungen schaffen. Doch ein Streit, der immer erbitterter geführt wird, hält das Projekt auf. Kritiker warnen davor, dass die Bauarbeiten das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas massiv beeinträchtigen werden. Am Donnerstag hat Verkehrssenatorin Regine Günther reagiert und versucht, die Wogen zu glätten. Das Denkmal soll bereits während des Baus „maximal geschützt“ werden, bekräftigte die Grünen-Politikerin in einer Mitteilung. „Wir sehen das nicht so harmonisch“, entgegnete Alexander Diepold vom Aktionsbündnis „Unser Denkmal ist unantastbar“. „Es ist Sache der Senatorin und der Bahn, endlich eine Trassenführung zu finden, die diesen Gedenkort nicht antastet.“ Am Freitagvormittag legte das Bündnis nach. „Wir bedauern sehr, dass Frau Senatorin Günther sich auch nach fast einjähriger Auseinandersetzung immer noch nicht mit elementaren Empfindungen der Opfergruppe vertraut gemacht hat“, hieß es in einer Mitteilung.

S21: So hat die Deutsche Bahn das Projekt anfangs genannt. Doch weil dies an das umstrittene Bauvorhaben in Stuttgart erinnert, wurde der Name in City-S-Bahn geändert. Das böse Omen scheint allerdings nachzuwirken. So wurde jüngst bekannt, dass der erste Bauabschnitt zwischen Wedding und Hauptbahnhof erst Ende 2022 eröffnet wird – fünf Jahre später als anfangs angekündigt.

Ein sensibles Gebiet

Bei dem jetzigen Streit geht es um das zweite Teilstück, mit dessen Bau die Bahn 2026 oder 2027 beginnen möchte. Es führt auf den 1,9 Kilometern vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz durch ein sensibles Gebiet. Zunächst ist die Spree zu untertunneln, dann das Reichstagsgebäude. Die Bau- und Raumkommission des Bundestags wacht darüber, dass das historische Bauwerk keinen Schaden erleidet. Erst im vergangenen Jahr, nach langen Debatten, konnte die Bahn eine Einigung melden. Die beiden Seiten verständigten sich auf die Variante 12h, die zum Reichstag mindestens 7,40 Meter Abstand hält. Eine Tunnelröhre soll westlich, die andere östlich daran vorbeiführen.

Grünes Licht gibt es aber immer noch nicht. Denn längst ist ein weiteres Konfliktfeld ins Blickfeld gerückt: das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Tiergarten. Es erinnert seit 2012 an die mehreren Hunderttausend Menschen, die als „Zigeuner“ verfolgt wurden.

Die Variante 12h sieht vor, „dass die Trasse unterhalb eines Teils des Geländes vom Denkmal geführt wird, ohne dieses oberirdisch zu tangieren“, erläuterte Senatorin Günther. Dafür würde das Erdreich vereist. Eine Untersuchung ergab, dass außerhalb des eigentlichen Denkmalgeländes sieben Bäume zu fällen wären. Außerdem müsste am Rand ein Versorgungsschacht verlegt werden – wofür die Bahn bisher mit vier Monaten Bauzeit rechnete. „Der tägliche Wechsel der Wildblume, der für das Mahnmal hohe Symbolkraft hat, wäre davon nicht beeinträchtigt“, so die Politikerin. „Gleiches gilt für das Denkmal selbst, und das auch während der eigentlichen Bauphase der S-Bahn.“

Foto: Imago/Stefan Boness
Das „schwarze Becken“ prägt das Denkmal. Im Hintergrund das Reichstagsgebäude, Sitz des Bundestags.

„Die weitere Planung muss genau beobachtet werden. Wir sind uns mit allen Beteiligten einig, dass für den Schutz des Denkmals das Maximum erreicht werden muss“, sagte Herbert Heuß vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. „Doch die Variante 12h ist eine gute Gesprächsgrundlage.“ Der Künstler Dani Karavan, der das Denkmal entwarf, der Musiker Romeo Franz, der die dort zu hörende Geigenmelodie komponierte, und das Aktionsbündnis sehen das unverändert anders – woran auch eine Begehung am 3. Februar nichts ändern konnte.

Aktionsbündnis warnt vor „Tabubruch“

Das Bauprojekt der Bahn bedrohe das Denkmal, warnte das Bündnis Anfang März in einem offenen Brief. „Würde das Vorhaben wie derzeit geplant realisiert, würde das Denkmal einen nie mehr wiedergutzumachenden Schaden erleiden.“ In einem Schreiben an die Bahn und andere Konzerne wird sogar „eine nie mehr wiedergutzumachende Zerstörung“ befürchtet. Verwiesen wird darauf, dass neben dem Denkmal Baugruben entstehen sollen - zum Beispiel für die angesprochene Verlegung des Versorgungsschachts. „Der Schacht ist oberirdisch geplant und würde ein offenes Baufeld von etwa sieben mal 15 Meter sein, das bis 6,70 Meter an die Brunnenschale heranreicht“, heißt es in der jüngsten Mitteilung des Aktionsbündnisses, die am Freitag bei der Berliner Zeitung eintraf. „Schon dadurch wird klar, dass ein größerer Baumbestand zerstört werden muss, um diesen Eingangsschacht zu graben.“ 

„Es sind weit mehr als sieben Bäume betroffen“, betonte Alexander Diepold. Nicht erwähnt würden die mehr als 70 Bäume zum Reichstag hin, die einem offenen Baufeld  zum Opfer fallen würde. Dadurch verändern sich die Geräuschverhältnisse dauerhaft, hieß es. „Dadurch verändern sich die Geräuschverhältnisse dauerhaft. Von einem Ruheort kann dann keine Rede mehr sein“, so das Bündnis. Die Abholzung zerstöre das künstlerische Klangbild, das ein wesentlicher Teil des Denkmals ist.

 Als strittig gilt, wie groß das Denkmalgelände eigentlich ist. Das Bündnis zieht den Radius weiter als die Bahnplaner. „Der Künstler Dani Karavan sagt, dass das gesamte Grundstück sein Kunstwerk ausmache, insbesondere der Baumbestand, der eine natürliche Geräuschdämmung möglich macht und wesentlich dazu beiträgt, den Gedenkort als einen Ort der Ruhe und Meditation wahrzunehmen“, so das Bündnis.

Alexander Diepold und seine Mitstreiter sehen ein weiteres Problem. „Der tägliche Wechsel der Wildblume, der für das Mahnmal hohe Symbolkraft hat, wäre, anders als der Künstler es vorgesehen hat, nur durch das Übertreten der Brunnenschale möglich“, heißt es in ihrer Mitteilung von Freitag weiter. „Das wiederum wäre ein Tabubruch in der Kultur der Sinti, da wir das Mahnmal als ein symbolisches Grabmal für die ermordeten Sinti und Roma, die nie zurückgekehrt sind, ansehen.“

Strafanzeige wegen eines Videos mit Korruptionsvorwürfen

Die Stimmung ist aufgeheizt. Besorgte Sinti und Roma rufen an und fragen, was dem Denkmal denn nun drohe, berichtete Herbert Heuß. Ein Video erweckt den Anschein, dass es beim Zentralrat Korruption gegeben habe: Zustimmung zum Tunnel gegen Geld für ein Dokumentationszentrum. Der Vorsitzende Romani Rose stellte Strafanzeige. „Die Diskussion entgleist“, so Heuß. Er warnte vor „Panikmache“.

„Wir sind guten Willens, den optimalen Schutz des Denkmals zu erreichen“, sagte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn. „Unsere Planung werden wir jetzt immer weiter verfeinern.“ Senatorin Günther teilte mit, dass noch nicht entschieden sei, ob die Variante 12h oder eine andere Streckenführung verwirklicht wird. Allerdings kann man sich auch im Zentralrat nicht vorstellen, wo der Tunnel sonst verlaufen könnte: Viele andere Varianten seien geprüft und schließlich alle verworfen worden, so Herbert Heuß. Das Aktionsbündnis wiederum möchte keinen Alternativvorschlag unterbreiten. Das sei Aufgabe der zuständigen Planer, hieß es.

Das Bahnprojekt befinde sich in einer frühen Planungsphase, beschwichtigte Regine Günther. „Die Gespräche werden mit allen Beteiligten fortgeführt.“