Berlin - Das Wohnhaus Winsstraße 59 ist eines der letzten unsanierten Häuser in Prenzlauer Berg. Die Fassade bröckelt, manche Bewohner haben noch Außentoilette, Ofenheizung und kein Bad. Die Keller sind feucht, die Haustür für jeden offen. Bei diesem niedrigen Standard ist die Miete recht niedrig, doch für die meisten der über 70 Bewohner bald wohl nicht mehr bezahlbar. Denn das Haus wird „umfassend energetisch saniert“, kündigen die Eigentümer an. Im Dachgeschoss entstehen zudem „State of the Art“ Penthouse-Einheiten mit Dachterrassen, mitten im „Kultbezirk Prenzlauer Berg“.

So schreibt es das Berliner Immobilienunternehmen Christmann AG. Im November 2012 hat Christmann das Wohnhaus erworben. In der Modernisierungsankündigung lesen die Mieter jetzt, dass in ihren Wohnungen eine zentral geregelte Wohnraumlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung eingebaut wird, ebenso Dreifach-Holzisolierglasfenster. Die Kosten dieser und weiterer Modernisierungen können die Eigentümer mit elf Prozent auf die monatliche Miete umlegen.

Um das Drei- bis Vierfache soll dann die Miete steigen, haben die Bewohner der Winsstraße 59 errechnet, in manchen Fällen sogar um das Fünffache. „Die neuen Mieten können sich hier dann die wenigsten leisten“, sagt einer der Bewohner. Die Mieter verstehen die Briefe der Eigentümer als „Kampfansage“. Und sie wehren sich juristisch dagegen. Denn wegziehen will niemand, sich vertreiben lassen erst recht nicht.

Miete verdreifacht

Genau dass wollte der Bezirk Pankow verhindern. Seit Dezember 2012 genehmigt das Bauamt keine Luxusmodernisierungen von Mietwohnungen mehr. Verboten sind der Einbau eines zweiten Bades, Fußbodenheizung, Innenkamin, ein zweiter Balkon und Wärmedämmungen, die nicht unbedingt nötig sind. Extreme Mietsteigerungen will der Bezirk so vermeiden und ernannte begehrte Wohnviertel zu Milieuschutzgebieten, damit die Bewohner nicht wegziehen müssen.

Doch offenbar müssen Eigentümer ihre Häuser gar nicht erst luxuriös modernisieren. Die energetische Sanierung der Gebäude, Bestandteil der staatlich geförderten Energiewende, reicht völlig aus, um Mieten massiv zu erhöhen. Bis 2050 sollen etwa 80 Prozent der eingesetzten Energie in Wohngebäuden eingespart werden. Manche Eigentümer setzen offenbar bewusst sehr hohe Kosten und unnötige Maßnahmen an, um die Miete zu erhöhen. In der Winsstraße wird einem Mieter allein der Einbau neuer Fenster mit monatlich 210 Euro angerechnet, die Wohnraumlüftungsanlage kostet 162 Euro mehr. Insgesamt verdreifacht sich die Miete. Die Christmann AG äußerte sich auf Nachfrage nicht.

Der Fall Winsstraße 59 ist längst kein Einzelfall mehr. Vor allem in den begehrten Innenstadtbezirken lassen Eigentümer ihre Häuser energetisch sanieren. Von Mietsteigerungen von bis zu acht Euro pro Quadratmeter berichtet der Berliner Mieterverein. „Ein bestimmter Investorentyp erwartet von der energetischen Sanierung hohe Rendite“, sagt Reiner Wild, Geschäftsführer des Mietervereins. Werde den Mietern eine Modernisierung samt Mietsteigerung angekündigt, „kriegen manche Mieter Angst und suchen schon im Vorfeld das Weite“, sagt Wild. Oft, so seine Kritik, würden die Bauämter bei der energetischen Sanierung alles genehmigen, unabhängig von der wirklichen Energieeinsparung.

„Wir kämpfen um unsere Wohnungen“

Längst sind von dieser neuen Modernisierungswelle nicht mehr nur Einkommensschwache betroffen, sondern auch Gutverdiener, die erst kurze Zeit in ihren Wohnungen leben und jetzt schon hohe Mieten zahlen. „Die Verdrängung hat den Mittelstand erreicht“, sagt Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow. Oft werden die Wohnungen verkauft, am liebsten leer, das steigert den Wert. Die Zahl der Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. 2011 waren es in Berlin 4740, im Jahr darauf mehr als 7260. Im Senat will Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) die Mieter besser schützen. Er plant, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in den derzeit 18 Milieuschutzgebieten erheblich zu erschweren. Der Bezirk kann solche Verkäufe genehmigen, er kann sie aber auch verbieten.

In Mitte und Prenzlauer Berg haben sich die Bewohner von Häusern, die energetisch modernisiert werden, zusammengeschlossen. Bei einem Treffen mit der Berliner Zeitung im Platzhaus am Teutoburger Platz, einem Treff für Anwohner, berichten sie, was in ihren Häusern passiert. Sie wohnen in der Schönhauser Allee, in der Kanzowstraße, in der Sredzkistraße und der Paul-Robeson-Straße in Prenzlauer Berg, andere in der Christinenstraße und der Schlegelstraße in Mitte. Ihre Häuser seien im Laufe der vergangenen Jahre modernisiert worden, sagen sie. Ihr Name soll nicht in der Zeitung stehen, sie fürchten Ärger mit den Eigentümern.

Eine Frau sagt, in ihrem Haus würden dreifach verglaste Fenster eingesetzt, obwohl es schon Doppelglasfenster gebe. Im Hof werde eine Müllhebebühne gebaut, die Müllcontainer seien versenkbar. Wohnungen mit zwei Balkonen bekämen einen dritten, geplant seien Klingelanlagen mit Videoüberwachung. „Unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung soll eine Luxusmodernisierung durchgeführt werden“, sagt ein Mann.

Von Einschüchterungsversuchen ist die Rede, beim Ausbau von Dachgeschossen würden Löcher in die Decken darunterliegender Wohnungen gebohrt, es fehlten Ansprechpartner. „Bei Wohnungsbesichtigungen reden die Besitzer mit den Kaufinteressenten schon über neue Grundrisse, während die Mieter danebenstehen“, sagt ein Mann. „Man will uns rauskriegen, aber wir kämpfen um unsere Wohnungen.

Andreas Pfnür, Professor für Immobilienwirtschaft in Darmstadt, warnt vor den Folgen der energetischen Sanierung: „Haushalte mit einem Einkommen von unter 2000 Euro müssen mit Kostensteigerungen von 20 bis 25 Prozent rechnen. Sie zahlen dann die Hälfte ihres Einkommens für das Wohnen. Das ist dramatisch und bricht den Sozialpakt. Ein erheblicher sozialer Sprengstoff.“