Berlin - So wütend sieht man Matthias Köhne selten. Eine Reporterin des RBB geht mit dem Mikro auf ihn zu, sie verfolgt ihn zu seinem Platz im Sitzungssaal der Pankower Bezirksverordneten, die Kamera läuft. Köhne schaut weg, er antwortet nicht auf ihre Fragen, er ist wütend und genervt. Dann dreht er sich zur Reporterin, er sagt: „Was wollen Sie denn überhaupt? Ich geb’ Ihnen kein Interview!“ Später erklärt Köhne, die Reporterin habe ihn „überfallmäßig“ angesprochen, da habe er „unwirsch“ reagiert.

Matthias Köhne, der Bezirksbürgermeister von Pankow, macht gerade eine schwierige Zeit durch. Er führt einen Bezirk, über den zurzeit weltweit berichtet wird, in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. In den Berichten kommen Köhne und seine Partei, die SPD, nicht gut weg. Der Grund sind Pankower Senioren.

Seit neun Wochen halten sie ihren Rentnertreff in der Stillen Straße 10 besetzt. Die älteste Besetzerin ist 96 Jahre alt. Die Alten sind fit und kämpferisch, Besucher empfangen sie gastfreundlich. Sie haben ein Ziel: Sie wollen ihren Treff behalten. Doch die Bezirkspolitiker haben entschieden, das Haus zu schließen. Es fehle das Geld, heißt es zur Begründung.

Die Besetzer bekommen viel Unterstützung und Sympathie. Eine Reporterin des US-amerikanischen Fernsehsenders NBC sagt, in Pankow gebe es die „weltweit ältesten Besetzer“. Die Bilder, die um die Welt gehen, zeigen die Bewohner auf ihren provisorischen Pritschen, in der Gemeinschaftsküche, beim Plenum an der Kaffeetafel. „Here is the second home“, sagt eine Frau aus dem Englischkurs. Die Villa ist ihr zweites Zuhause.

Die Linke kommt zu Besuch

So viel Lob die Besetzer kriegen, so viel Kritik bekommen die Bezirkspolitiker. Doch Köhne, oberster politischer Mandatsträger in Pankow, schweigt. Offiziell hat er sich zur Stillen Straße, zu den Gründen der Schließung, zum Umgang mit den Hausbesetzern, zu möglichen Lösungen für den Konflikt, bisher nicht geäußert. Bundestagspolitiker der Linken, Gregor Gysi, Stefan Liebich, Petra Pau, haben die Besetzer besucht , ihnen Hilfe angeboten. Köhne hat sich nicht blicken lassen.

Und so mehren sich die Gerüchte. Eines lautet, Köhne hätte die Besetzer rausgeschmissen, die illegale Nutzung nicht geduldet. Der Bezirkschef war im Urlaub, als die Senioren ihren Treffpunkt okkupierten. Die Amtsgeschäfte im Pankower Rathaus führte Köhnes Stellvertreter, Jens-Holger Kirchner von den Grünen. Der reagierte auf Anfragen und versicherte, die Villa werde nicht geräumt. So habe es das Bezirksamt beschlossen.

Als der Bürgermeister aus dem Urlaub kam, wollten viele mit ihm über die Stille Straße reden. Köhne schwieg, er lehnte Anfragen ab und verwies auf seine Kollegin, die SPD-Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz. In ihren Bereich, die Abteilung Soziales, fällt die Stille Straße. Auf sie fällt seitdem auch die massive Kritik. Köhne kritisiert keiner.

Zuständig sind andere

Und er ist auch nicht der Mensch, den es in die Öffentlichkeit drängt. Der 46-jährige Politologe aus Schleswig-Holstein gilt als ruhiger, sachlicher und kompetenter Kommunalpolitiker, er kennt sich gut mit Finanzen aus. Er liebt Marathon, Windsurfen, den FC St. Pauli und die Toten Hosen. Was er nicht mag sind Tofu, Boxen und Harald Schmidt. So steht es auf seiner Internetseite. Offenbar mag er auch keine renitenten Rentner.

Köhne weiß, dass er nicht reden muss, mal ganz formal gesehen. Er sagt, auch wenn es noch so viele von ihm erwarteten, das müsse er noch lange nicht erfüllen. Die Geschäftsordnung und das Bezirksverwaltungsgesetz geben ihm recht. „Es gibt Zuständigkeiten im Bezirksamt“, sagt Köhne.

Bei der Stillen Straße sei das eben die Sozialstadträtin. „Es wäre unüblich, wenn sich der Bezirksbürgermeister da einmischt.“ Und er hätte doch das Gleiche gesagt. Gab es denn interne Debatten, wie man mit den Hausbesetzern umgehe? Köhne sagt, was das Regelwerk der Bezirkspolitik vorgibt: „Das Bezirksamt spricht mit einer Stimme.“

Kaltherziges und unsoziales Image

Doch er unterschätzt die öffentliche Meinung. Köhne, ein Bürgermeister ohne Bürgernähe. Er zieht sich auf Formalien zurück, er will zum Konflikt nichts sagen. Wer glaubt ihm denn da, dass er sich bemühe, eine Lösung für die Senioren zu finden? Soziales Engagement sieht anders aus.

Und so stehen er und seine Kollegen längst als kaltherzig und unsozial da. Die Besetzer sagen, man nehme ihnen weg, was ein wichtiger Teil ihrer sozialen Bindung sei. Ein Ort der Gemeinschaft. Im Bezirk heißt es zwar, man wolle die Einrichtung retten, einen freien Träger finden, der die große Villa mit Garten übernimmt. Doch nur zwei Wochen haben mögliche Interessenten Zeit, sich zu entscheiden. „Man wird den Verdacht nicht los, dass der Bezirk das Gebäude eigentlich verkaufen will“, sagt die Landesvorsitzende der Volkssolidarität, Heidi Knake-Werner.

Sie war früher Sozialsenatorin der Linken. Die Volkssolidarität würde die Villa als Seniorentreff übernehmen. „Wir müssen aber die Bedingungen kennen.“ Wie hoch ist der Verkehrswert des Hauses? Wie hoch sind die Betriebskosten? Keiner weiß das.

Die Pankower SPD steckt im Dilemma. Die Sache mit der Stillen Straße, die weltweiten Berichte und Solidaritätsbekundungen, das macht ihr zu schaffen. So etwas könnten Wähler, vor allem die Alten, der Partei übelnehmen.

Und so sprachen die Pankower Sozialdemokraten auf ihrer Klausurtagung Anfang August auch über das schwierige Thema Stille Straße 10, die Rentner und mögliche Lösungswege. Es muss hoch hergegangen sein bei den Genossen, von „Hausfriedensbruch“ soll die Rede gewesen sein. Der Kreisvorsitzende Alexander Götz sagt auf Anfrage: „Wir haben die Situation besprochen.“ Es habe eine „offene Diskussion“ gegeben, die sei auch mal kontrovers gewesen, „kritische Worte“ seien gefallen. Götz sagt: „Die SPD vertritt nicht die Haltung, die Senioren mit der Brechstange zu vertreiben.“ Es gebe dazu auch keine abweichende Haltung des Bezirksbürgermeisters. Und was sagt Köhne? „Das war eine interne Veranstaltung.“