Die Torstraße in Berlin-Mitte.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSpätverkaufsstellen, sogenannte Spätis, gehören zu Berlin und seiner scheinbar nie endenden Erzählung einer Partymetropole, der nicht einmal das Coronavirus nachhaltig etwas anhaben kann. Die Spätis mögen mit ihren unkonventionellen Öffnungszeiten schon so manchen Einheimischen vor dem akuten Verhungern oder - sicher häufiger noch - Verdursten gerettet haben. Vor allem aber stehen sie in jedem Reiseführer, sind Anlaufpunkte für ein meist junges Publikum, das zum Feiern in die Stadt kommt. Ein paar Tische und Bierbänke vor der Tür, schon braucht niemand mehr eine Kneipe oder Bar. Doch jetzt könnte es eng werden für das Geschäftsmodell. In Mitte erhalten solche Läden und ähnliche Einrichtungen wie Kioske seit Mai keine Genehmigung mehr für Sitzmöbel vor der Tür. Natürlich gab es Klagen gegen das Vorgehen. Doch die sind laut Verwaltungsgericht unbegründet.

Geklagt hatte ein Betreiber einer Spätverkaufsstelle in Mitte. Er verfügte für seinen Laden bislang über eine befristete Erlaubnis für das Herausstellen von Tischen und Stühlen auf einer Fläche von 24 Quadratmetern direkt vor seiner Tür. Solche Erlaubnisse werden für maximal drei Jahre ausgestellt. Als der Betreiber sie verlängern wollte, lehnte der Bezirk ab. Der Händler zog vors Verwaltungsgericht – und verlor. Er kann jedoch gegen den Beschluss vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg Beschwerde einlegen.

Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Mitte, zeigte sich am Freitag in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung „hocherfreut“ über den Gerichtsbeschluss. Der Grünen-Politiker, bekanntlich ohne Scheu vor kontroversen Themen, will mit seinem Vorgehen gegen das auch von vielen Politikern unterstützte und geschützte Späti-Wesen – nicht wenige sprechen dabei von „Kultur“ – nach eigenen Worten zwei Dinge erreichen: Vordergründig und formal geht es um die Gleichbehandlung solcher Verkaufsstellen mit gastronomischen Betrieben. Diese müssten nicht nur Toiletten bereithalten, sondern vielfach auch Lärmgutachten beauftragen und zeitliche Beschränkungen für den Betrieb sogenannter Schankvorgärten akzeptieren. All dies treffe zum Beispiel auf Spätis nicht – oder fast nicht - zu. Zweitens, so von Dassel, „wollen wir mit der Regelung Party-Exzesse vermindern“. Solche Spätis seien oft „Party-Hotspots ohne Infrastruktur, aber mit Alkohol-Verkauf“, sagte er.

Im konkreten Fall hat der Bürgermeister örtlich mitten ins Schwarze getroffen. Kläger ist ein Betreiber einer Spätverkaufsstelle in der Nähe des Rosenthaler Platzes, einem der Brennpunkte der Späti-Kultur in Berlin. Rund um Tor- und Brunnenstraße sowie den Volkspark am Weinbergsweg haben sich im Laufe der Jahre Dutzende solcher Verkaufsstellen breitgemacht.

Längst haben sich Anwohner in der Initiative Weinbergspark zusammengeschlossen. Sie haben runde Tische und Vor-Ort-Termine mit Kommunalpolitikern organisiert, um auf Missstände aufmerksam zu machen und diese zu beseitigen. Mit dabei ist der Autor und Theaterregisseur Robin Detje. In einem Telefonat mit der Berliner Zeitung spricht er von einer „grotesken Gastro-Schwemme“ rund um den Rosenthaler Platz. Detje beklagt einen „Ballermann auf Kosten der Anwohnenden“. Erst vorigen Sonnabend seien etwa 150 junge Leute spätabends durch den Weinbergspark gezogen – mit dabei Wegzehrung in Form von Bierkästen, die sie sich bei einem der vielen Spätis gekauft hatten. Detje berichtet von Schlägereien, massiver Belästigung und Einschüchterung und von „Entschuldigung – zugepissten Hauseingängen“.

Bei all dem Ärger will Detje nicht missverstanden werden. Keiner der Anwohner wolle in einer „spießigen Vorstadtstraße“ wohnen, aber die aktuellen Zustände seien unerträglich. Aber es müsse sich einiges verändern, „damit es wieder schön werden kann“. In diesem Zusammenhang von einer schützenswerten Kultur zu sprechen, sei völlig verfehlt.

Vielmehr erkennt Detje in der Entwicklung rund um den Rosenthaler Platz eine Tendenz, die vielerorts zu erkennen sei: Alteingesessene Gewerbetreibende würden vertrieben durch eine überdrehte Ausgeh- und Party-Branche. Und auch Bewohner würden vor dem Lärm und aggressiver Anmache fliehen. So gebe es Häuser, aus denen viele Menschen auszogen, nachdem dort ein Späti aufmachte. „So etwas passiert, wenn man der Immobilienwirtschaft die Stadt überlässt“, sagte Detje.