Es sah aus, wie es meistens aussieht, wenn vor einem Haus in Berlin ein Stolperstein verlegt wird, mit dem der jüdischen Menschen gedacht wird, die bis zur Nazi-Diktatur dort gelebt und/oder gearbeitet haben. Alles Routine, schließlich sind bereits 5 500 Stolpersteine verlegt worden: Am Montagvormittag lockerte Künstler Gunter Demnig, der diese Gedenkform vor fast 20 Jahren erfunden hat, das Kopfsteinpflaster vor der Tür des Hauses Kurfürstendamm 174 in Charlottenburg auf und versenkte die goldfarbenen Steine, auf denen die Lebensdaten der zu Ehrenden eingraviert sind. Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) erinnerte daran, dass die ehemaligen Nachbarn nicht vergessen sind. 50 Viert- bis Sechstklässler der nahen Heinz-Galinski-Schule trugen Gedichte vor und sangen Lieder. Und doch war diesmal alles anders.

Das lag an den Geehrten. Zum ersten Mal in Berlin wurden Stolpersteine für Menschen verlegt, die den Holocaust überlebt haben: Die jüdische Familie Grünberg – der Anwalt Hans Max, der seine Kanzlei am Kudamm 177 betrieb, seine Frau Käte und deren zweijährige Tochter Ruth Clara – flohen 1933 vor den Nazis. In einer jahrelangen Odyssee über Belgien, Spanien, die Schweiz und Italien gelangten sie nach Chile, wo sie sich im November 1939 niederließen.

Ruth Clara lernte in der Hafenstadt Vina del Mar Maria Antonia Gonzalez Cabezas kennen. Bis 1949 gingen die Mädchen zusammen zur Schule, dann trennten sich die Wege der Deutschen und der Chilenin – um Jahrzehnte danach eine geradezu fantastische Wendung zu nehmen. Während Ruth Clara mit Familie in Chile blieb, emigrierte Maria Antonias Familie in Ruth Claras Heimatland, vielmehr in die DDR. Sie waren Anhänger des Sozialisten Salvador Allende, der von Militärs um Augusto Pinochet aus dem Amt geputscht wurde. Die DDR gewährte den Fliehenden Schutz und Unterschlupf.

Hans Max Grünberg hat diese Wendung nicht mehr erlebt, er starb 1953 ebenso in seinem chilenischen Exil wie seine Frau Käte 1981 und seine Tochter Ruth Clara 1989.

Präzedenzfall im Gedenken - und Inflationierung?

In diese Geschichte heiratete der Berliner Dokumentarfilmer André Poser quasi hinein, Maria Antonia Gonzalez Cabezas ist seine Schwiegermutter. Für Poser ist klar: „Familie Grünberg ist Opfer der Nazis. Die haben ihre Heimat ja nicht freiwillig verlassen.“ Er recherchierte, antichambrierte, intervenierte – seit Montag liegen nun drei Stolpersteine vor dem Haus, aus dem Grünbergs einst vertrieben wurden.

Alles gut also, ein weiteres notwendiges Gedenken an das Jahrhundertverbrechen? Nein, denn es gibt Streit um diesen Fall des Erinnerns, er ist ein Präzedenzfall.

„Das Projekt der Stolpersteine ist geboren worden für Deportierte und Ermordete, für solche Menschen, die keinen Grabstein haben. Es gibt Hinterbliebene, die sagen, das Gedenken werde entwertet, wenn man auch die Überlebenden mit reinnimmt“, sagt Helmut Lölhöffel. Mitstreiter warnten vor einer „Inflationierung des Gedenkens“, sagt er. Familie Grünberg sei ein Einzelfall, der dokumentiere, dass der Kudamm eine jener Straßen sei, „die früher fest in jüdischer Hand waren. Deswegen ist es gut, an dieses Schicksal zu erinnern“. Mehr Überlebende sollten es aber nicht werden.

Der ehemalige Senatssprecher Lölhöffel ist seit drei Jahren Leiter der Stolperstein-Initiative von Charlottenburg-Wilmersdorf, der größten in Berlin. Die Initiative wählt die Opfer aus, hält Kontakt zu Politik und Verwaltung und kümmert sich um die Genehmigungen.

Künstler Gunter Demnig sagt, er sei „stinksauer auf die konservativen und provinziellen Berliner“. Zuletzt habe er in Hamburg sechs Steine für Geflüchtete „gemacht“, „da kamen zwei quietschlebendige Töchter aus Kolumbien und England, die sich Jahrzehnte nicht gesehen hatten. Das ist eine riesige Familienzusammenführung.“ Einmal in Rage, droht Demnig: „Die Stolpersteine sind meine Idee. Wenn man das Projekt nicht erweitert, mache ich Schluss.“

So weit will Helmut Lölhöffel es nicht kommen lassen. Zwar sei das Projekt längst viel größer als sein Erfinder und einen Ausweg aus dem Streit sehe er nicht – aber ohne oder sogar gegen Demnig sei die Arbeit kaum denkbar: „Eher würde ich zurückzucken“, sagt Lölhöffel.