Berlin - Hin und wieder fährt ein Auto durch die Sonntagstraße, und immer wieder mühen sich auch Radfahrer über das Kopfsteinpflaster. Ansonsten ist dort nicht viel Verkehr unterwegs. Doch das soll sich ändern. Denn der Senat, der schon vor Jahren den Bau einer Straßenbahnstrecke zum Ostkreuz angekündigt hat, treibt seinen Plan jetzt voran – sehr zum Ärger von Anwohnern. Eine Initiative macht gegen das Projekt mobil, Klagen drohen. Es ist längst kein Streit mit lokalem Charakter mehr. Denn auch anderswo in Berlin ist Streit absehbar, wenn der angekündigte Ausbau des Straßenbahnnetzes an Fahrt gewinnt.

Ortstermin in der Sonntagstraße. Hans-Hermann David ist gekommen. Der pensionierte Chemie-Professor ist 2005 von Schöneberg hierher gezogen. Er wohnt unweit vom Annemirl-Bauer-Platz, der vernachlässigt wirkenden Grünanlage gegenüber vom Ostkreuz. „Wir sind keine Gegner der Straßenbahn“, betont der 69-Jährige. Aber warum müsse sie künftig unbedingt durch die schmale Sonntagstraße rollen? Tagsüber werde alle fünf Minuten eine Bahn fahren, auch nachts sei mit Verkehr zu rechnen. Bäume sollen gefällt, Gehwege schmaler werden. Mehr als hundert Parkplätze fallen weg, aber das ist für David nicht entscheidend. „Ich habe kein Auto“, sagt er. Das Problem sei, dass eine Bahn mitten durch ein Wohnviertel gebaut werden soll.

Grundstücksverwaltung und Hauseigentümer unterstützen die Initiative

„Lärm und Erschütterungen werden unserer Gesundheit schaden“, sagt Maria Forstner, die ebenfalls an der Sonntagstraße wohnt. Die Fahrleitungsmasten verschandelten das Straßenbild, Balkone könnten nur noch eingeschränkt genutzt werden, heißt es in einem Flugblatt der Initiative Tram 21, die David gegründet hat. Das Tram-Projekt führe zur „Zerstörung der gewachsenen Kiezatmosphäre“. Ein Unternehmen, das Grundbesitz an der Sonntagstraße verwaltet, warnt davor, dass die Bahnen Kinder gefährden könnten.

Auch Uwe Warnke ist bei dem Ortstermin dabei. Er ist 1982 nach Friedrichshain gezogen. Zu DDR-Zeiten rief er eine Künstlerzeitschrift namens Entwerter/Oder ins Leben, ohne Genehmigung der Behörden. Seit 1999 lebt Warnke, der einen Verlag besitzt und Ausstellungen kuratiert, an der Sonntagstraße. Unter seiner Wohnung soll die Strecke in die Holteistraße einbiegen – auf einer Kurve, die lautes Quietschen erwarten lässt. Der 64-Jährige hat ebenfalls kein Auto. „Ich bin auch kein Gegner einer besseren Anbindung der Tram 21 an das Ostkreuz. Wir haben nur einen besseren und vor allem viel billigeren Vorschlag gemacht.“

Heute fährt die Bahn durch die Boxhagener Straße. Doch dort sollen laut Senat die Gleise verschwinden – um Platz für die Autolawine zu schaffen, die nach Freigabe der Autobahn A100 nach Treptow in das Viertel hineindrängen wird, wie Hans-Hermann David vermutet. Die jetzige Strecke müsse bleiben, sagt er. Von der Marktstraße, unweit der Jugendherberge, wäre es nur ein kurzer Fußweg zum Ostkreuz. „Ein anderer Vorschlag wäre, unter der Ringbahnbrücke einen Kopfbahnhof zu bauen.“ Die Straßenbahnen würden am Victoria-Center auf einer Stichstrecke hineinfahren – und auf demselben Weg wieder hinaus.

Doch der Senat erklärt die Variantendiskussion für beendet. In einer ersten Untersuchung bekam der Kopfbahnhof-Plan vor mehr als acht Jahren 32,9 Punkte, die Senatsvariante 33,7. Zuletzt stand es dann 29 gegen 37,6. Geplant ist seitdem ein rund 1,8 Kilometer langes Doppelgleis, das von der Holtei- über die Sonntagstraße zum Ostkreuz und weiter zur Karlshorster Straße führt – dabei bleibe es.

„Für die direkte Streckenführung aus Friedrichshain und aus Lichtenberg/Rummelsburg sprechen insbesondere die kurzen Umsteigewege, die den Nahverkehr hier besonders attraktiv machen“, bekräftigte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Die direkte Anbindung umliegender Wohngebiete in Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg stärkt die – ohnehin große – Bedeutung des Bahnhofs Ostkreuz für den öffentlichen Nahveerkehr insgesamt. Der Halt am Ostkreuz ist direkt unter der Ringbahn geplant und verbessert so die Erreichbarkeit des Bahnhofs entscheidend.“

Das Projekt, den wichtigsten Bahnhof im Osten Berlins direkt ans Straßenbahnnetz anzuschließen, dümpelt schon seit mehr als einem Jahrzehnt lang vor sich hin. Eine Zeit lang hieß es, dass 2018 erstmals Bahnen der Linien 21 und der neuen Linie 22 (Rummelsburg-Friedrichshain) direkt zum Ostkreuz fahren könnten. Doch der Termin wurde immer wieder verschoben. Inzwischen ist der Turmbahnhof im Osten Berlins längst umgebaut und auch Regionalzughalt. Sogar ein paar Fernzüge halten dort. Rund 200.000 Menschen nutzen ihn täglich. Doch die nächste Straßenbahnhaltestelle liegt weiterhin mehr als 400 Meter Fußweg entfernt. 

Gerd Engelsmann
Ortstermin in der Sonntagstraße am Bahnhof Ostkreuz in Friedrichshain. Uwe Warnke, Maria Forstner und Hans-Hermann David (v.l.) sind gegen die Straßenbahn, die der Senat und die BVG dort planen.

Ende Januar gab der Senat bekannt, dass das Vorhaben noch länger dauert. Die Planfeststellungsunterlagen müssen erneut öffentlich ausgelegt werden. Rund drei Jahre zuvor hatte die erste Auslegung begonnen, mehr als 900 Einwendungen gingen ein. Danach zeigte sich aber, dass mehr Anrainer betroffen sind, als es das von der BVG in Auftrag gegebene Schallschutzgutachten angenommen hatte, so der Senat. „Die Planer haben die vielen Dachgeschosse vergessen, die hier entstanden sind“, erklärt Uwe Warnke das peinliche Dacapo. Auch das Wohnviertel am Ostkreuz werde immer weiter verdichtet, die Zahl der Einwohner nehme zu.

Grafik: BLZ/Hecher

Also: Alles von vorn! Noch bis Mitte kommender Woche dürfen die Anwohner dem Senat erneut Einwendungen übermitteln. „Wir gehen davon aus, dass wieder mehrere Hundert eintreffen werden“, sagt David. Wenn die Genehmigung da sei, sei dann mit Klagen zu rechnen. Ein Juristin wohne direkt an der Trasse, ein Rechtsanwalt, dem ein Haus in der Sonntagstraße gehört, unterstütze die Gruppe.

Bürger können bis Mitte kommender Woche Einwendungen äußern

Den Problemen von einigen hundert Menschen stünde der Nutzen für Zehntausende Menschen gegenüber, twitterte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Das Ostkreuz sei der Bahnhof mit den meisten jährlichen Zughalten in Deutschland. Auch der Friedrichshainer SPD-Abgeordnete Sven Heinemann setzt sich dafür ein, die Strecke wie geplant zu bauen. „Fast zehn Jahre lang wurden verschiedenste Varianten geprüft. Die Kosten-Nutzen-Analyse war eindeutig“, teilte Heinemann mit. „Der Bahnhof muss direkt angebunden werden. Auch die Gegner sollten über den eigenen Tellerrand hinausblicken. Es geht um die Verkehrswende für die ganze Stadt und nicht nur um die eigene Haustür.“ Das Projekt dauere ohnehin schon viel zu lange – möglicherweise noch bis 2025.

Da ist man in der Verwaltung der Verkehrssenatorin optimistischer. Dort rechnet man damit, dass der Planfeststellungsbeschluss für die Ostkreuz-Tram Ende dieses Jahres vorliegt. „Voraussichtlich 2023“, so Sprecher Jan Thomsen, soll der Betrieb beginnen.

Aktuell plane der Senat 15 Neubaustrecken für die Straßenbahn, davon seien zwölf bereits in Arbeit – von der Grundlagenermittlung bis zum Bau. Die nächste Inbetriebnahme sei in Sicht: voraussichtlich Ende 2021 zwischen Adlershof und Schöneweide. Die BVG erwarte eine Eröffnung „in der Mitte des vierten Quartals 2021“, präzisierte Thomsen. Zuletzt war von Ende Oktober 2021 die Rede. Die Trasse vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße soll laut Senat nun 2023 in Betrieb gehen, die Strecke in Mahlsdorf 2026.

Auch in Kreuzberg braut sich Ärger mit Anwohnern zusammen. Wie berichtet, soll die geplante Strecke von der Warschauer Straße zum Hermannplatz in Neukölln durch die Falckensteinstraße, eine schmale Wohnstraße, sowie durch den Görlitzer Park führen. Im Pankower Ortsteil Blankenburg machen Nutzer und Bewohner der dortigen Erholungsanlage Front gegen die geplante Verlängerung der Linie M2 zum S-Bahnhof, die durch die Gärten führen würde. Auch dieses Projekt könnte 2028 fertig werden. In Moabit, Schöneberg und anderen Teilen der Stadt sind ebenfalls Konflikte wahrscheinlich, wenn dort Gleise gebaut werden. Der Streit um die Ostkreuz-Anbindung zeigt, was berlinweit auf Planer und Politiker zukommt.