Berlin - Der Verband der Gymnasiallehrer warnte vor einer „immer stärker werdenden Beliebigkeit“ bei dem, was Schüler künftig lernen sollen.

Die gemeinsamen Lehrpläne, die für Grund- und Sekundarschüler, Gymnasiasten und Lernbehinderte gleichermaßen gelten sollen, wiesen den „Weg zur Einheitsschule“, hieß es in der Erklärung des Verbandes der Oberstudiendirektoren. Hinter vorgehaltener Hand sorgen sich einige Schulleiter, dass das Gymnasium in Berlin langfristig seine Eigenständigkeit verliere würde. Die Direktoren fordern deshalb eigene Lehrpläne für die 1. bis 4. Grundschulklasse mit klaren Abschlussstandards sowie separate Lehrpläne für Gymnasien von der 5. bis 12. Klasse und für Sekundarschulen von der 5. bis 10. Klasse. Auch beruflichen Gymnasien und die Kinder mit Lernbehinderung sollen eigene Pläne erhalten.

Tatsächlich ist derzeit völlig unklar, wie künftig benotet werden oder ob es klassischen Noten erst nach womöglich acht Schuljahren geben soll. Hierzu hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine eigene Arbeitsgruppe in der Verwaltung eingerichtet. Denn nach den aktuellen Entwürfen sind auch am Gymnasium, grob gesagt, zwei verschiedene Niveaustufen möglich.

Kompetenz bilde sich erst dann heraus, wenn jemand etwas könne und wisse, führte Ralf Treptow, der Vorsitzende des Gymnasialleiterverbandes aus. Hierzu müssten mehr verbindliche Inhalte in die Rahmenlehrpläne geschrieben werden. Stattdessen tauche in den Entwürfen ständig das modische Wort Kompetenzorientierung auf. Gymnasien könnten sich verstärkt eigene Standards setzen, so dass ein Schulwechsel innerhalb Berlins erschwert werde.

Scheeres gibt Garantie

Aus Sicht von Treptow und seinen Kollegen werde vieles zu wenig konkret beschrieben. Zum Beispiel sei Sprach- und Medienbildung nun quer durch alle Fächer vorgeschrieben. „Es fehlten aber Aussagen, wie die digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts in die Schule Einzug halten soll.“ Bei der Ausstattung mit Computern und Tablets liege Berlin wie ganz Deutschland weit zurück. Fraglich sei auch, inwieweit für den boomenden Metropolenraum Berlin tatsächlich dieselben Lehrpläne gelten sollen wie für die dünn besiedelte brandenburgische Peripherie.

Bei der jüngsten Anhörung im Abgeordnetenhaus hießen die Oppositionsparteien Grüne, Linke und die Piraten die neuen Rahmenlehrpläne, die ab dem Schuljahr 2016/17 gelten sollen, prinzipiell gut. Piraten-Politiker Martin Delius kritisierte aber die mangelnde Berücksichtigung des Schulfaches Politische Bildung. Schüler wüssten schon jetzt schon zu wenig über demokratische Prozesse. Dafür ausgebildete Lehrer würden abwandern. Nun soll das Fach in der 5. und 6. Klasse auch noch mit Geschichte und Sozialkunde zum Fach Gesellschaftswissenschaften zusammengelegt werden. Dagegen mobilisieren bereits viele Geschichtslehrer.

GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt fand viel Gutes, kritisierte aber, dass es nicht gelungen sei, die Lehrpläne schlanker zu machen. Die Bitte der CDU, die Frist für die Anhörungen zu den Entwürfen bis Sommer zu verlängern, erteilte Scheeres eine Absage. Die Senatorin sprach aber eine Bestandsgarantie für die Gymnasien aus.