In der von Flüchtlingen bewohnten früheren Gerhart-Hauptmann-Schule an der Ohlauer Straße in Kreuzberg ist am Freitag ein Bewohner getötet worden. Das Opfer ist ein 29-jähriger Flüchtling aus Marokko, er wurde von einem Mitbewohner erstochen.

In der Schule leben rund 200 Flüchtlinge, vor allem aus Afrika. In einer Etage sind Roma untergekommen. Die Zustände dort waren wiederholt als unwürdig kritisiert worden. In den letzten Monaten gab es dort zahlreiche Polizeieinsätze. Die Beamten waren wegen Schlägereien und Messerstechereien gerufen worden. Auch Drogen wurden sichergestellt.

Am Freitagmittag waren im Sanitärtrakt der ehemaligen Turnhalle mehrere Bewohner in Streit darüber geraten, wer zuerst die einzige Dusche im Haus benutzen kann. Dies wurde später der Grünen-Abgeordneten Canan Bayram berichtet. Dabei zog ein Mann ein Messer und rammte es dem Marokkaner mehrfach in den Bauch. Das Opfer brach blutend zusammen, der Täter flüchtete. Ein Mitarbeiter einer Wachfirma alarmierte die Polizei. Der Notarzt versuchte, den Mann noch im Rettungswagen zu reanimieren, vergeblich.

Zeugen und Sicherheitsbedienstete beschrieben den Polizisten den mutmaßlichen Täter, kurz darauf konnte der 40-jährige Flüchtling aus Gambia in der Nähe festgenommen werden. Er hatte ein blutverschmiertes Messer bei sich und Blut an den Händen.

Eine Mordkommission ermittelt. Der Tatort wurde abgesperrt, ebenso die Ohlauer Straße zwischen Reichenberger und Wiener Straße. Eine aufgebrachte Bewohnerin warf Polizei und Feuerwehr vor, zu langsam gewesen zu sein, „weil wir Ausländer sind“.

Seit Ende 2012 ist die Schule besetzt. Nachdem das Flüchtlingscamp am Oranienplatz friedlich geräumt worden war, hatte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) angekündigt, den Bewohnern in den nächsten Tagen eine Ersatzunterkunft zur Verfügung zu stellen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) reagierte am Freitag erschüttert auf die Nachricht vom Tod des Flüchtlings. „Dieses Gewaltverbrechen macht mich betroffen“, sagte er.

Auf tragische Weise werde deutlich, dass die Zustände in der Schule und in ihrem Umfeld verändert werden müssten. „Die Bewohner der Schule sollten daher das Angebot des Senats für eine anderweitige Unterbringung annehmen“, sagte Wowereit. Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte, er sei schockiert, dies sei eine traurige und tragische Entwicklung. Henkel wies darauf hin, das besetzte Haus sei aus polizeilicher Sicht schon seit geraumer Zeit ein Problemort. Die eklatanten Lebensbedingungen seien unhaltbar.

Zwist im Senat um Verantwortung

Henkel sieht Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) und den Bezirk in der Verantwortung, eine Lösung zu finden. „Die Sicherheitsbehörden stehen bereit, falls ihre Unterstützung benötigt wird“, sagte Henkel. Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin der Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg, sagte, sie hoffe, dass Czaja seine Ankündigung, den Flüchtlingen ein Haus bereitzustellen, so schnell wie möglich in die Tat umsetze.

Auch Sozialsenator Czaja bedauerte den Vorfall. Jetzt sei besonders wichtig, dass Senatorin Kolat die Gespräche mit den Flüchtlingen mit Nachdruck voranbringe. Zunächst müsse deren Registrierung abgeschlossen sein, um zu wissen, wie viele Menschen untergebracht werden müssen. „Wir haben eine Ersatzunterkunft ins Auge gefasst“, sagte Czaja.

Am Abend gab es in der Schule ein Treffen mit den Flüchtlingen, an dem neben der Bezirksbürgermeisterin auch Canan Bayram teilnahm. „Die Flüchtlinge sind durch dieses schreckliche Ereignis hoch traumatisiert“, sagte Bayram. Viele von ihnen seien zum Umzug bereit. Der Leichnam des getöteten Flüchtlings soll auf Wunsch einiger Bewohner, die ihn gut kannten, in sein Heimatland Marokko überführt werden.

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