Die Planespotter jubeln, die Pankower müssen tapfer sein. Kurz nach ihrer herben Niederlage beim Volksentscheid über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel kündigt die Fluggesellschaft Lufthansa für den November ein neues Projekt am Himmel über der Hauptstadt an: ein sehr großes, sehr lautes und sehr ungewöhnliches. Die Lufthansa setzt mit der Boeing 747-400 einen Jumbojet ein – und zwar nach Tegel. Sonst fliegen nur kleinere Maschinen im innerdeutschen Luftverkehr. 126 Flüge allein im November soll die in die Jahre gekommene Boeing 747-400 zu den verkehrsreichsten Zeiten von Frankfurt nach Tegel absolvieren. Dreimal täglich hin zur Hauptstadt, dreimal retour.

„Dass wir die 747 hier in Tegel haben, ist für alle Beteiligten außergewöhnlich“, gibt Flughafensprecher Daniel Tolksdorf zu. „Die Boeing 747 ist eine ziemlich große Maschine, dafür ist der Flughafen eigentlich nicht gebaut.“ Eine Herausforderung für den Airport, aber auch für lärmgeplagte Anwohner. Denn normalerweise sind hier im Stundentakt kleinere und leisere Airbus-Maschinen vom Typ A320 mit halb so vielen Plätzen im Einsatz. Dass es nun zeitweise des Riesen-Vogels für den nur einstündigen Hüpfer von und nach Frankfurt bedarf, hat einen Grund: „Eine besonders hohe Nachfrage nach Buchungen und operationelle Gründe haben Lufthansa zu dieser Maßnahme veranlasst“, formulierte der Lufthansa-Pressesprecher.

Air-Berlin-Reisende steigen auf Lufthansa um

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Passagiere der insolventen Air Berlin lieber auf Nummer sicher gehen und auf Lufthansa umsteigen. Und während Air Berlin mit leeren Maschinen nach Frankfurt jettet, fliegt die Pleite 300 000 Menschen im Norden der Stadt mit dem Jumbo in doppelter Hinsicht um die Ohren. Denn mit dem – nach dem A380 – zweitgrößten Passagierflugzeug wird es lauter und zudem dreckiger am Berliner Himmel. Denn die Boeing 747-400 ist ein Auslaufmodell. Seit 2005 gibt es einen modernen Nachfolger, die 747-8. In der Flotte der Lufthansa befinden sich 19 dieser modernen Jumbos, deren Lärmteppich um 30 Prozent kleiner wäre. Aus Kapazitätsgründen schickt man die leiseren Flieger lieber auf die Langstrecke. „Das Nachfolgermodell hat mehr Plätze, die anders verteilt sind“, so ein Sprecher. Auch gibt es in der 747-8 eine First class, mit der man lieber nach Rio de Janeiro oder Los Angeles fliegt als auf der Kurzstrecke.

Obwohl Fluggesellschaften einen Lärmzuschlag für laute Flugzeuge bezahlen müssen, lohnt sich offenbar der Einsatz des Jumbos über Berlin. Dabei ist die Boeing 747-400 mit bis zu 84,9 Dezibel bei Start und Landung in die Kategorie 5 eingeordnet. Nur Antonows und Iljuschins sind lauter. In Tegel sind pro Start und Landung 515 Euro fällig. Die kleineren A320-Flieger liegen mit durchschnittlich 77,7 Dezibel in Kategorie 4 und kosten 125 Euro. „Natürlich ist die Boeing 747-400 lauter, sie ist aber auch viel größer. Für einen Jumbo müssten zwei, drei A320 fliegen“, sagt ein Lufthansa-Sprecher.

Kein einfacher Einsatz

Einfach ist der Inlands-Einsatz des Jumbos mit 371 Plätzen und 65 Metern Spannweite nicht. Weil doppelt so viele Passagiere hineinpassen, kommt es zu einem langwierigeren Boarding. „Die längeren Abfertigungszeiten haben wir bereits berücksichtigt. Und wir glauben, zusammen mit den Berliner Flughäfen diese Aufgabe gut zu meistern“, so der Lufthansa-Sprecher. Am gebeutelten Flughafen Tegel mit 4.749 Flugstreichungen in diesem Jahr ist man optimistisch, dass der Aufwand zu bewältigen ist.

An einen Regelbetrieb wird angeblich nicht gedacht. Über den November hinaus seien keine weiteren Flüge geplant, heißt es bei der Lufthansa. Der letzte Jumbo, Flug LH 197, soll am 30. November um 16.45 Uhr nach Frankfurt abheben. Aber wer weiß? Gerade im Luftverkehr hat die Stadt schon so manche Überraschung erlebt.