Wenn Berlin einen Gesichtsausdruck hätte, dann wohl diesen.
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BerlinNähe zu anderen Menschen aufzubauen ist ein grundlegendes Instrument im Sozialverhalten. In der Stadt nehmen es viele Bewohnerinnen und Bewohner damit sehr ernst, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der Abstand zwischen einem jugendlichen Pärchen und einer an der Haltestelle stehenden Frau wird jedenfalls immer kleiner und der Winkel, in dem sie auf sie zusteuern, verheißt nichts Gutes.

Stress in der Stadt führt zur Stadtfalte

Das Pärchen ist nicht abgelenkt, weder in ein Gespräch vertieft, noch in eine Turtelei, beide schreiten mit einem lethargisch angehauchten Gesichtsausdruck nebeneinander zum Ende der Haltestelle. Schließlich streift das Mädchen die wartende Frau einigermaßen rüde mit dem Arm – und setzt ihren Gang mit beeindruckender Gleichgültigkeit fort. Keine Geste, kein entschuldigender Blick, kein Wort.

Die angerempelte Frau, selbst noch jung, aber aus dem Gröbsten raus, wirft dem Paar einen finsteren Blick hinterher. Dabei bildet sich zwischen ihren Augenbrauen eine tiefe Furche. Wer mal darauf achtet, wird feststellen: Bei vielen Menschen haben sich an dieser Stelle bereits veritable Falten ausgebildet. Es gibt darüber keine verlässlichen Erhebungen, es ist aber wohl nicht zu gewagt, diese Auffälligkeit auf den Namen Stadtfalte zu taufen.

Mitmenschen mit verkümmerter Selbstreflexion

Werfen Sie im Spiegel ruhig mal einen Blick auf die Region oberhalb der Nase und denken Sie währenddessen zurück an die Begegnungen des Tages. Mitmenschen mit verkümmerter Selbstreflexion und/oder indifferenter Wahrnehmung ihrer Umwelt pflasterten Ihren Weg: Leute, die sie ohne erkennbaren Platzmangel im Vorbeigehen touchieren oder direkt neben Ihnen stehen bleiben, Schulter an Schulter; italienische Touristen, die einen Schritt aus der Bahn machen, um sich erst mal in aller Ruhe zu orientieren, statt einen weiteren Schritt zur Seite zu treten; die Frau, die Ihnen an der Supermarktkasse dreimal hintereinander mit dem Kinderwagen in die Hacken gefahren ist und dabei telefoniert hat; Menschen mit Rucksäcken, die sie im Gedränge nicht abnehmen; und generell Leute, die sich an den engsten Stellen durchquetschen und verrenken wie beim Limbotanz, statt einfach freundlich zu fragen, ob sie mal vorbei dürften.

Na, zittert die Stirn schon? Es ist nicht auszuschließen, dass die Stadtfalte die Erfindung von Botox-to-go begünstigt hat.