Mazda Adli empfängt seine Gäste in der Fliedner Klinik in Mitte, gleich gegenüber vom Deutschen Dom. Die Sonne scheint in sein dezent gestaltetes Chefarzt-Büro mit schwarzer Ledergarnitur. Von der Straße dringt Stimmengewirr, Autos hupen und man hört das Traben der Pferde vor den Droschken, in denen sich die Touristen durch die Stadt kutschieren lassen.

Herr Adli, Ihre Klinik hat ja wirklich eine 1-A-Lage: Direkt am Gendarmenmarkt in der Mitte Berlins. Verbringen Sie hier Ihre Mittagspause?

Ja, absolut!

Haben Sie ein Lieblingsrestaurant oder ein Bistro, das Sie besonders mögen?

Nein, ich nutze viele Orte rund um den Gendarmenmarkt – auch einfach Sitzbänke oder die Stufen vor dem Deutschen Dom. Aber am meisten genieße ich, ehrlich gesagt, den Blick aus meinem Fenster auf den Platz.

Wie gefällt Ihnen Berlin?

Für mich ist Berlin die ideale Stadt. Ich habe das Glück gehabt, in einigen Metropolen der Welt zu leben. Aber es gibt keine Stadt, in der sich die Vorteile des urbanen Lebens so sehr vereinen wie in Berlin.

Welche Vorteile sind das?

Berlin bietet eine enorme kulturelle und soziale Vielfalt, die für viele unabhängig von Bildung und Status leicht zugänglich ist. Und die Menschen sind bunt und international. Berlin ist eine Kultur- und Wissenschaftsmetropole. Gleichzeitig spielt sich das Berliner Leben viel vor statt hinter den Haustüren ab, auf den Straßen und Plätzen, wo sich die Menschen begegnen und miteinander Zeit verbringen.

Wenn man Ihre Forschungsergebnisse studiert, kommt man allerdings eher zu dem Ergebnis, man müsse die Stadt sofort verlassen, denn sie schadet der Psyche. Wie krank macht Berlin unsere Seele?

Wie gesagt – den allermeisten von uns tut Berlin gut. Und trotzdem: Es gibt Zahlen, die zeigen, dass es trotz dieser urbanen Vorteile in Städten ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen gibt. Das Risiko an Schizophrenie zu erkranken, ist etwa doppelt so hoch wie auf dem Land und es steigt mit der Größe der Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Welchen Stressfaktoren setzen wir Großstädter uns jeden Tag aus?

Dass Stadtleben auch Stress verursacht, leuchtet uns allen ein. Das beginnt beim morgendlichen Kampf durch das Verkehrs-Chaos und oder auf den überfüllten Bahnsteigen. Manche Menschen haben Angst vor Gewalt und Kriminalität und sind deshalb verunsichert. Solange ich aber die meiste Zeit selbst entscheiden kann, wann und wie sehr ich mich dieser Form von Stadtstress aussetze, ist es eigentlich kein Stress, der krankmacht, auch wenn der Trubel einem auf die Nerven gehen kann.

Welcher Stress ist es dann?

Ich bin davon überzeugt, dass „toxischer Stadtstress“ dann entsteht, wenn soziale Dichte und soziale Vereinsamung zusammentreffen – gleichzeitig. Das ist stadtspezifischer, sozialer Stress. Denken Sie an Sozialbauten, in denen man auf engstem Raum lebt und wo die Wände so hellhörig sind, dass man die Fernseher der Nachbarn hört und die Nachbarn gar nicht kennt. Das ist Stress, dem man so leicht nicht entkommen kann.

Welche Folgen hat diese Gleichzeitigkeit von Dichte und Einsamkeit?

Soziale Dichte ist bei Menschen wie bei Tieren mit einem höheren Sterberisiko verbunden. Soziale Vereinsamung, also das Fehlen eines unterstützenden sozialen Netzes, geht ebenfalls mit einem höheren Sterberisiko einher. Wenn beides zusammenkommt, kann es ein Problem geben.