Berlin - „Setz dich mal“, sagt meine Frau, die gerade vom Arzt kommt, den sie wegen eines positiven Schwangerschaftstests zur Sicherheit besucht hat, und da ahne ich schon etwas, zumal ihre Stimmlage nicht gerade auf traurige Nachrichten hindeutet. Eher auf spektakuläre Neuigkeiten. „Wir bekommen Zwillinge“, sagt sie.

Wir freuen uns. Bis heute. Doch damals dämmert uns schon bald, dass wir nun ein Problem haben. Ein großes Problem wegen der zu kleinen Wohnung. Wir haben zwar ein Kinderzimmer, für den Erstgeborenen, der jetzt großer Bruder wird. Also eigentlich kein ganzes Zimmer – weil es gut acht Quadratmeter groß ist, wird es im Mietvertrag nur als halber Raum gezählt. Für ihn ist das okay, unter dem Hochbett liegt der Strand, hier gehen Playmobil-Piraten auf Schatzsuche. Doch für zwei weitere Mitbewohnerinnen wird es nicht reichen. Und da Kinder diese merkwürdige Angewohnheit haben, größer zu werden, wird auch der Rest unserer 70 Quadratmeter großen Wohnung auf Dauer etwas knapp sein. Zwillingseltern kannten sich mit exponentiellem Wachstum schon aus, bevor es cool war.

Das ist jetzt fast zwei Jahre her. Die Kinder sind mittlerweile auf der Welt, wachsen und gedeihen und können das Wort „Vierraumwohnung“ vermutlich schneller aussprechen, als wir eine solche gefunden haben. Dabei haben wir früh mit der Suche begonnen, damals, nach dem ersten Schockmoment. Zunächst etwas naiv, per Post in den sozialen Medien. Das hat vielleicht früher funktioniert – doch eine Wohnung in der Größenordnung zu finden, die wir jetzt bräuchten, ist eine ganz andere Herausforderung: Als ich unser Gesuch in zahlreichen Kiezgruppen auf Facebook teile, bekomme ich eine einzige Nachricht. Ein junger Vater fragt, ob wir schon etwas gefunden hätten – seine kleine Familie würde gerne unsere Wohnung übernehmen, wenn sie frei wird.

Viele große Wohnungen sind durch Altverträge belegt

Das ist nicht überraschend. „Familien konkurrieren mit anderen Zielgruppen, die ebenfalls eine größere Wohnung bevorzugen. Für sie ist die Situation aber besonders problematisch, da sie weniger flexibel auf diese Angebotssituation reagieren können“, erklärt Paul Lichtenthäler von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo.

Dabei zeigt ein Blick in den aktuellen Wohnungsmarktbericht der Investitionsbank Berlin-Brandenburg (IBB), dass es eigentlich genügend große Wohnungen gäbe: Auf 186.000 Haushalte mit mehr als vier Personen kommen gut 347.000 Wohnungen mit vier Zimmern oder mehr. Aber, so erläutert etwa ein Sprecher des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen: „Viele große, familiengerechte Wohnungen sind durch Altverträge belegt, und aufgrund der Lebensumstände wohnen dort häufig nur ein oder zwei Personen. Meist kommen für diese – in der Regel älteren – Mieter Umzüge nicht infrage.“

Zugleich bleibt der Nachschub aus: Während die Ein- und Zweiraumwohnungen bei den Neubauten im vergangenen Jahr laut IBB-Bericht mehr als die Hälfte ausmachten, entfiel nur ein gutes Zehntel auf Wohnungen mit vier Zimmern. Dazu kommen 804 Einheiten, die mehr als vier Zimmer haben – das sind sechs Prozent der Neubauten.

Wie knapp das Angebot ist, zeigt sich auch beim Blick in die einschlägigen Portale. Unter den generell eher wenigen Anzeigen sind zum einen jene Inserate, bei denen blumige Worte den tatsächlichen Wohnkomfort brutaler nicht verdeutlichen könnten: Die Familien, die hier gesucht werden, sollten beispielsweise „sportlich“ sein, also den Kinderwagen in den siebten Stock schleppen, oder „Handwerker“ und die Wohnung gleich selbst in einen passablen Zustand bringen. Dem gegenüber stehen die Angebote, bei denen für 110 Quadratmeter stolze 2000 Euro Kaltmiete aufgerufen werden. Nicht in Mitte, nicht in Kreuzberg. In einem Randbezirk, auf den sich unsere Suche vornehmlich konzentriert, weil die Kinder hier ihre Kita-Plätze haben – noch so ein knappes Gut in Berlin.

Mit dem Kinderwagen durch den Kiez

Irgendwo dazwischen gibt es, ganz vereinzelt, Wohnungen, die rein theoretisch passen könnten. Zu einem Praxistest kommt es aber meist erst gar nicht, es gibt einfach zu viele Mitbewerber. „Wir verzeichnen aktuell durchschnittlich 300 Mietinteressentinnen und -interessenten pro angebotener Wohnung“, sagt Sabine Pentrop, Sprecherin der Howoge.

Weil wir das große Los so gut wie nie ziehen, kommen uns bald Zweifel am Zwillingsbonus, mit dem wir in unseren Nachrichten an potenzielle Vermieter zu punkten hoffen. Irgendwann, da sind die Kinder schon ein Jahr auf der Welt, stoße ich auf ein Gesuch eines anderen Paares, das am anderen Ende der Stadt trotz weit besseren Budgets offenbar vor ähnlichen Problemen steht wie wir. Ein bitterer Fund, nicht nur wegen der von dem Paar angebotenen 3000 Euro Belohnung, die zeigen, wie vertrackt die Lage offenkundig ist. Sondern auch wegen der unterwürfigen Beschreibung der eigenen Kinder als „ruhig“. Der Post erntet harsche Kritik, man lebe doch nicht mehr in den 1950er-Jahren. Aber vielleicht denken viele Vermieter genau in diesen Kategorien – und sehen in einem Zwillingspaar mit großem Bruder nicht das süße Trio, das wir erkennen, sondern ein Kollektiv, das das Treppenhaus zusammenbrüllt.

Aber Bangemachen gilt nicht. Also spaziere ich mit dem Kinderwagen durch den Kiez und halte Ausschau nach leer stehenden Wohnungen, so wie mein Schwiegervater zu DDR-Zeiten mit ähnlichem Ziel Leipzig durchstreifte. Parallelen entdecke ich auch in seinen Erzählungen über die damalige Nützlichkeit von Beziehungen. Doch als wir endlich einmal jemanden kennen, der jemanden kennt – eine Freundin, die von einer frei werdenden Wohnung in ihrem Haus berichtet –, erläutert der zuständige Sachbearbeiter, man dürfe die Wohnung erst nach einer Ausschreibung vergeben. Das ist zweifellos eine sinnvolle Regelung, subjektiv aber ärgerlich.

Allmählich wird es eng, und der Lockdown mit drei Kindern zu Hause und Mama wie Papa im Homeoffice macht es nicht gerade besser. Ständig steht man sich im Weg oder stößt an Dinge, die ebenfalls im Weg stehen. Neue Wege sind nötig – also wird umgestaltet. Wir ziehen ins Kinderzimmer, die drei Kinder teilen sich unser ehemaliges Schlafzimmer. Das läuft nicht immer konfliktfrei ab: Ein Fünfjähriger will seine Ritterburg gegen Spielzeug-Räuber verteidigen, nicht gegen kleine Schwestern, die alles umwerfen. Aber ein bisschen Zeit haben wir damit gewonnen. Zeit, sich trügerischen Hoffnungen hinzugeben. Etwa wenn man sämtlichen in den Gelben Seiten gelisteten Hausverwaltungen schreibt und nicht eine Antwort erhält.

Die größte verfügbare Wohnung ist gerade mal 90 Quadratmeter groß

Der nächste dieser trügerischen Hoffnungsschimmer taucht erneut beim Spazierengehen auf. Mit einem großen Plakat wird ein Neubauprojekt in der Gegend angekündigt. Noch vor Ort setze ich mich auf die Interessentenliste, nur um später zu erfahren, dass die größte verfügbare Wohnung gerade mal 90 Quadratmeter groß ist. Wie soll eine Familie da längerfristig leben?

„Wir setzen grundsätzlich auf sehr effiziente Flächengrundrisse, um möglichst viel nutzbare Wohnfläche zu erzielen. Das gelingt zum Beispiel durch den Verzicht auf Flure oder durch einen gemeinsamen Sanitär- und Küchenkern. So sind auch Wohnungen unter 100 Quadratmeter gut für Familien mit Kindern geeignet“, sagt die Howoge-Sprecherin Pentrop. In einem Neubau in der Paul-Zobel-Straße habe man wiederum die Grundrisse so gestaltet, dass „je nach Bedarf Wohnungen zusammengelegt oder Wände gestellt und entfernt werden können. Das bietet die größtmögliche Flexibilität, um auf die Schwankungen des Marktes zu reagieren.“ Klingt gut, aber selbst gesehen haben wir eine solche Wohnung natürlich noch nicht. Dafür müsste man sich erst einmal gegen besagte 300 Mitbewerber durchsetzen.

Mancher kapituliert angesichts dieser Zustände. In der „wachsenden Stadt“ Berlin gibt es unterm Strich eine Abwanderung der Kinder unter sechs Jahren und der 30- bis 45-Jährigen. „Dass sowohl diese Altersgruppe als auch die Jüngsten die Stadt per saldo verlassen, deutet darauf hin, dass Familien vor der Einschulung ihrer Kinder weiterhin Wohnentscheidungen zugunsten von Standorten außerhalb Berlins treffen“, heißt es dazu im Bericht der IBB. Die Gedanken, die mutmaßlich hinter solchen Entscheidungen stecken – die Aussicht auf Homeschooling in der Kochnische und die nach der Einschulung noch stärker eingeschränkte Flexibilität bei der Wohnungssuche – verdrängen wir ganz gut. Irgendwie muss sich doch eine Möglichkeit finden lassen.

Ob wir was anderes finden, bleibt die spannende Frage.

Und tatsächlich, eines Tages klappt es plötzlich: Eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft hat uns eingeladen. Statt mit 50 Menschen wie noch im Jahr zuvor stehen wir bei dieser seltenen Gelegenheit allein mit dem zuständigen Mitarbeiter in der Wohnung in einem Neubaukomplex. Die Zwillinge haben keine Ahnung, worum es geht, doch zumindest die Kleinste von allen gibt alles. Lächelt, grinst, schäkert. Vielleicht spielt das eine Rolle, bilden wir uns ein, als unsere Bewerbung erfolgreich ist. Weil ein anderer Interessent abgesagt hatte. Fast wie ein Lottogewinn!

Doch dann kommen die Zweifel. Die Wohnung hat zwar 100 Quadratmeter, aber einen völlig ungeeigneten Schnitt. Ein befreundeter Architekt schüttelt den Kopf, als er sich den Grundriss anschaut. „Wer plant so was?“ Jemand, der den Stauraum eines fehlenden Kellers kompensieren muss. Der Wohnraum wäre faktisch kaum größer als unser jetziger, aber teurer. Dafür müssten wir Fahrräder und Kinderwagen an Stellplätzen anschließen, hoffend, dass niemand irgendwann einmal die Schlösser knackt. Und Laufstall, Kleiderberge und all die anderen Dinge, die man für Zwillinge doppelt braucht und dann nicht ohne Weiteres los wird, irgendwo unterbringen. Schweren Herzens sagen wir wieder ab. Immerhin, der Ansprechpartner zeigt sich verständnisvoll, man werde schon jemand anderen finden.

Ob wir was anderes finden, bleibt die spannende Frage. Es bleibt die Hoffnung darauf, dass irgendwann der Anruf kommt, der in Berlin ähnlich wahrscheinlich ist wie eine Zwillingsschwangerschaft. Und die Hoffnung auf diese beiden Sätze: „Setz dich mal. Wir bekommen eine passende Wohnung!“