Der Moment der Enttäuschung deutet sich schon ein paar Minuten vorher an – vor der Gewissheit: „Es reicht nicht, es reicht nicht“, zischelt ein Energietisch-Fan um kurz vor acht Uhr abends. Noch hört ihn kaum jemand. Im Roadrunner’s Paradise, einem Livemusik-Club auf einem Fabrikgelände in Prenzlauer Berg, stehen gut 150 Menschen und starren auf eine Leinwand über der Bühne. Einen Anzug hat hier keiner an. Man sieht Kapuzenshirts, abgewetzte Lederjacken, Pullover, Holzfällerhemden. Einer trägt ein Bärenkostüm, ein anderer hat sich den Sticker „Netz oder nie“ auf die Stirn geklebt. Es wird Bier getrunken, aus den Lautsprechern tönt Rock ’n’ Roll. Vor der Bühne halten zehn Leute ein Transparent in TV-Kameras. „3. 11. – Vattenfall im Abseits“ steht darauf.

Doch es soll anders kommen. Nur eine Minute später schnellt ein orangefarbener Balken auf der Leinwand hoch und bleibt kurz unter einer roten Linie stehen. „Oh nein!“, schreit jemand, dann folgen Enttäuschungsgestöhne im ganzen Raum und entsetzte Blicke. Die rote Linie dort oben auf der Grafik der Landesabstimmungsleiterin, das wäre das Quorum gewesen, das der Energietisch hätte erreichen müssen. Hinten im Raum rufen ein paar Leute frustriert: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Und: „Wer verrät uns immerzu? CDU!“

Nach dem ersten Schreck versucht Energietisch-Kampagnenleiter Stefan Taschner, die Stimmung zu heben. „Wer glaubt, dass der Energietisch sich jetzt auflöst, der irrt sich!“, ruft er von der Bühne. Es wird gejohlt und gejubelt. Stolz könne man sein auf dieses Ergebnis, sagt Taschner. „Mit diesem Schwung setzen wir den Senat jetzt weiter unter Druck.“

Taschner und sein Kampagnenkollege Michael Efler sind sich sicher, dass sie auch am November-Termin gescheitert sind. Der Senat hatte entschieden, den Volksentscheid nicht auf den Tag der Bundestagswahl Ende September zu legen, was für viel Protest sorgte. „Den Termin haben sie uns geklaut. Sonst hätten wir gewonnen“, sagt Efler, der sich eben auf der Bühne eine Träne aus dem Auge gewischt hat.

Auch die Energietisch-Unterstützer aus dem Abgeordnetenhaus sehen den Senat jetzt unter Druck – insbesondere die SPD, die in der Energietisch-Frage zerstritten ist. „So eine breite Mobilisierung ist ein starkes Signal“, sagt Harald Wolf, Ex-Wirtschaftssenator und Energieexperte der Linksfraktion. Michael Schäfer von den Grünen sagt, seine Fraktion werde jetzt ein großes Stadtwerk fordern: Statt der drei Millionen Euro, die der Senat für die Gründung ausgeben will, fordern die Grünen 55 Millionen Euro. Der Energietisch habe zwar das Quorum nicht geschafft, gescheitert sei aber der Senat, sagt Schäfer.

Als hätten sie solche Reaktion geahnt, marschieren die Wirtschaftsverbände genau in die andere Richtung. „Offensichtlich gibt es in der Hauptstadt keine Mehrheit für energiepolitische Experimente“, sagt der Geschäftsführer des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), Udo Marin. Und Christian Amsinck, Chef der Unternehmensverbände (UVB), fordert gar: Konsequenterweise soll das Land seine Bewerbung um das Stromnetz nun zurückziehen. Mit diesem Ansinnen dürfte Amsinck aber wohl keinen Erfolg haben. Die CDU macht am Sonntag nicht die geringste Andeutung, dass sie ihre eher skeptische Haltung zu einer Stromversorgung in öffentlicher Hand nun gegen die SPD durchsetzen will. Sowohl CDU-Chef Frank Henkel als auch sein Fraktionsvorsitzender Florian Graf bekennen sich zur Linie der großen Koalition. SPD-Chef Jan Stöß sorgt dennoch vor. „Ich gehe davon aus, dass unsere Verabredungen Bestand haben und das Stadtwerk erfolgreich auf den Weg gebracht wird.“