Berlin-Köpenick - Dienstag, früher Nachmittag: Auf der Baustelle der Salvador-Allende-Brücke in Köpenick macht sich der Anlagenfahrer einer auf einen Lkw montierten Bohrmaschine ans Werk. Horizontal soll ein Loch unter der Brücke gebohrt werden. Zügig geht es voran. Um 14.07 Uhr trifft er dabei ein Kabel. Es ist die Stromleitung Nr. 780, die das Umspannwerk Laufenerstraße mit dem Umspannwerk Landjägerstraße verbindet. Obwohl das Kabel mit 110.000 Volt (110 kV) unter Hochspannung steht, merkt der Arbeiter an der Bohrmaschine nach Angaben des Berliner Stromnetzbetreibers Vattenfall von der Durchtrennung des Kabels nichts.

Er bohrt weiter. Als er drei Minuten später auf die Leitung Nr. 781 trifft, ist auch die Verbindung zwischen dem Umspannwerk Gelnitzstraße zum Umspannwerk Landjägerstraße gekappt. Damit ist das Umspannwerk samt seiner angeschlossenen 31.500 Haushalte und 1920 Gewerbebetriebe vom Berliner Stromnetz abgeschnitten. Exakt um 14.10 Uhr gehen in großen Teilen Köpenicks alle elektrischen Geräte vom Kühlschrank bis zur Scannerkasse aus. Fragt man bei Vattenfall nach den Ursachen, ist der Schuldige schnell genannt.

Die Bohrarbeiten seien von einer Firma Schupp ausgeführt worden, die im Auftrag der Firma Mette Wasserbau tätig gewesen sein soll. Aber wie konnte es dazu kommen? Das fragt sich auch Jürgen Schunk, der beim Netzbetreiber Stromnetz Berlin den Krisenstab leitet. Er stellt klar, dass die Baufirmen nicht im Auftrag von Vattenfall im Einsatz waren.

Baufirma soll laut Vattenfall regelwidrig gehandelt haben: „Die haben gebohrt, ohne zu wissen, wo sie bohren“

Vor allem habe es zuvor bei Stromnetz Berlin entgegen den Vorschriften keine Trassenabfrage gegeben. „Die haben gebohrt, ohne zu wissen, wo sie bohren.“ Konkret geht es um zwei 110-kV-Kabel mit je drei Leitungen von je einem Durchmesser von etwa 15 Zentimetern. Kabel dieser Art sind gewissermaßen die Hauptschlagadern des Berliner Stromnetzes, das aus 35.000 Kilometern Kabeln und Leitungen besteht. Etwa 700 Kilometer lang ist das 110-kV-Netz. Von Hochspannungsleitungen abgesehen, die vom Norden in die Stadt führen, sind die 110-kV-Leitungen unterirdisch verlegt, mindestens eineinhalb Meter unter der Erde. An der Allende-Brücke waren es zwei Meter. 

Die Reparaturarbeiten begannen bald nach der Beschädigung. Laut Krisenstabschef Jürgen Schunk sei am Dienstag, etwa um 23 Uhr, eine etwa lastwagengroße Baugrube fertiggestellt worden. „Gegen Mitternacht ging es dann an die Kabel.“ Am Mittwochmorgen waren zwei der sechs beschädigten Leitungsadern repariert. Am Vormittag noch stand Schunk zu der Prognose, den Schaden um 15 Uhr repariert zu haben. Am Nachmittag dann hieß es, es werde wohl 21.30 Uhr.

Immerhin: Am Vormittag wurden 2000 Köpenicker Haushalte wieder mit Fernwärme versorgt. Insgesamt waren 19.000 Haushalte von der Wärmeversorgung abgeschnitten, weil die Steuerungen der zugehörigen Blockheizkraftwerke mit dem Strom ausgefallen waren. Das zeigt, dass heutzutage ohne Strom wenig geht.

Stromausfall in Berlin-Köpenick zeigt die Schwachstellen im Stromnetz Berlin

Im vergangenen Jahr verbrauchten die Berliner zusammen 13,552 Terawattstunden Strom. Dabei erwies sich die Versorgung als relativ sicher. Laut Stromnetz Berlin war 2018 statistisch jeder Berliner von einem 13,7-minütigen Stromausfall betroffen. Im Jahr zuvor waren es vier Minuten mehr.

Die 2019er-Bilanz wird sich durch den Köpenicker Stromausfall sicher verschlechtern. Vor allem aber zeigt der Schaden Schwachstellen im Netz auf. Denn tatsächlich gibt es kein redundantes System, in dem Strom im Fall der Fälle auf eine intakte Trasse umgeleitet werden kann. „Wir müssen überlegen, was wir besser machen können“, sagte Stromnetz-Chef Thomas Schäfer am Mittwoch.