Berlin-Köpenick - Der Fakt ist so banal, dass man sich ein wenig scheut, ihn aufzuschreiben: Strom ist für unsere Art des Lebens, Arbeitens, Wohnens, Erholens, Kommunizierens elementar. Und wie bei allen Dingen, an deren selbstverständlicher Allverfügbarkeit wir uns gewöhnt haben, ist es so: Sie fallen sie uns erst auf, wenn sie fehlen.

Nun sind die Probleme, die der Köpenicker Stromausfall verursacht hat, einigermaßen überschaubar. Soweit bislang bekannt ist, kam niemand ernsthaft zu Schaden. In den Krankenhäusern funktionierte die Notstromversorgung. Und allein die Tatsache, dass der Blackout der größte und längste Ausfall in der Geschichte Berlins sein soll, zeigt, wie stabil die Energieversorgung in der Hauptstadt doch grundsätzlich ist.

Für Betroffene mag das nur ein kleiner Trost sein. Sie mussten mit Unbequemlichkeiten wie abgetauten Kühlschränken, Verzicht auf die Champions-League-Übertragung und ungesicherten Geschäften klarkommen. Aber Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk haben funktioniert. Auch ohne Internet kamen offenbar die wichtigsten Informationen, etwa die Nachrichten über geschlossene Schulen und Kitas, rechtzeitig an. Um die Schuldfrage und Entschädigungen werden sich vielleicht die Gerichte kümmern müssen.

Wie sicher ist eigentlich die deutsche Infrastruktur?

Trotzdem bleibt es faszinierend und erschreckend zugleich, wie schnell unser funktionierendes System aus dem Tritt gerät. Der bislang schlimmste Stromausfall in Deutschland ereignete sich vor 13 Jahren im November 2005 in Nordrhein-Westfalen. Wie in Köpenick war damals ein höchst analoges Ereignis die Ursache. 80 Strommasten waren unter einer gewaltigen Schneelast zusammengebrochen. Rund 250.000 Menschen waren mehrere Tage ohne Strom. Landwirte hatten Probleme, ihre computergesteuerten Viehställe zu versorgen.

Oder im April 2018, als ein Stromausfall den für Deutschland zentralen Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main lahmlegte. In weiten Teilen Deutschlands gab es kein oder nur langsames Internet. Zum Glück geschah das damals nachts. Aber jedes Mal wurde die bange Frage gestellt, wie sicher ist eigentlich die deutsche Infrastruktur, wenn etwa Cyberterroristen versuchen, unser Stromnetz anzugreifen? Die klare Antwort des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: gar nicht. Oder zumindest nicht ausreichend.

Ein Problem sei, dass der Katastrophenschutz föderal organisiert sei, also nach Bundesländern. Der erste verantwortliche Katastrophenschützer sei die Gemeinde. Das heißt, man muss ein wenig Glück haben mit seinem Wohnort, wenn es ernst wird. Das Bundesamt empfahl dann auch entsprechend, dass sich jeder selbst Vorräte, Trinkwasser und Batterien zurechtlegen sollte, um im Ernstfall 14 Tage autonom über die Runden zu kommen. 

Abhängigkeit von einem funktionierenden Stromnetz

Seither ist die Abhängigkeit von einem funktionierenden Stromnetz größer denn kleiner geworden. Die passenden Stichworte sind: Energiewende, dezentrale Stromversorgung, intelligente, vernetzte Solardächer, digitale Revolution, 5G-Standards – und dann kommt ein Bohrer und – das Wortspiel sei erlaubt – erdet die ganze Herrlichkeit. Doppelte Leitungen für eine sichere Versorgung? Kann man haben, kann aber keiner bezahlen. Also wird sich an dem irdischen Problem nichts ändern: Kabel können kaputt gehen.

Vielleicht braucht es aber solche Ereignisse, um hin und wieder einen Moment innezuhalten und zu erkennen, in welche Abhängigkeiten man geraten ist. An denen kann man zwar grundsätzlich nichts ändern, aber vielleicht lassen sie sich leichter ertragen und man kann gelassener darauf reagieren, wenn man sich dessen bewusst ist. Unfälle oder auch Unwetter, die unsere Infrastruktur außer Takt bringen, gibt es und wird es weiterhin geben. Nicht selten erlebt man dann, gerade in einer angeblich anonymen Großstadt wie Berlin, unverhoffte Solidarität und Unterstützung. Daran kann man sich dann erinnern und festhalten, wenn das nächste Mal das Licht ausgeht.

Denn einige Köpenicker berichteten, dass ein Abend bei Kerzenschein mit dem Partner ohne Fernsehen, Mobiltelefon, Facebook und Twitter auch mal ganz schön war.