Mit Eis überzogene Wohnungswände in Berlin: Wie es bei einer Stromsperre zugeht

Geborstene Wasserleitungen, eisig glitzernde Wohnungswände – Carl Zuckmayer schrieb 1946 über das in Trümmern liegende Berlin bei Kälte und ohne Strom.

Trümmerstadt Berlin im Nachkriegsjahr 1946
Trümmerstadt Berlin im Nachkriegsjahr 1946United Archives/imago

Wir alle sind besorgt. Haben Angst davor, dass wir nicht genug heizen könnten, davor, dass es Stromsperren geben könnte. Davor, dass die Schreckensszenarien bald Wirklichkeit werden könnten. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey bezeichnete ein kurzzeitiges Abschalten der Stromversorgung in einzelnen Stadtteilen als ein „Szenario, das vertretbar ist“. Wie wird es im Ernstfall wirklich sein?

Lehrreich ist ein Blick zurück. Aus dem in Trümmern liegenden Berlin berichtete der Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896–1977): „Wenn ich an den Winter 1946/47 in Deutschland denke, sehe ich immer das Glitzern an den Wänden und im Inneren von Zimmern, wie ich es hundertmal in deutschen Häusern gesehen habe. Es war das Glitzern von einer hauchdünnen Schicht von weißem Frost, ein eisiger Niederschlag von Feuchtigkeit, die gefrorene Verdunstung der Atmosphäre, von Menschen, die schwitzen, husten und einatmen.“

Zuckmayer, Autor des Dramas „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931), war von den Nationalsozialisten bedroht, er flüchtete, fand in den USA eine neue Heimat. Im Jahr 1946 kehrte er nach Deutschland zurück. Anschaulich beschrieb er in einem Bericht für das amerikanische Kriegsministerium, was er sah und hörte. „In manch einem Zimmer, das das einzige heizbare eines Hauses war, zeigte sich dieses merkwürdige Glitzern an der ungeheizten Seite oder in einer zugigen Ecke.“

Wer Glück hatte, heizte mit einem Kanonenofen, einem kleinen gusseisernen Ofen, der „eine sehr starke, aber sehr kurze Wärme abgibt“. Das Leben der Menschen war geprägt vom Mangel. „Es gibt fast kein Holz und eine Tagesration von nur sechs Briketts, die man manchmal nicht einmal bekommen kann.“

In der zweiten Kältewelle explodierte das Abflussrohr unter der Toilette

Über den Besuch bei einer Dame schrieb Zuckmayer: „,Schlafengehen‘, sagt sie lachend, ,ist nicht allzu unangenehm. Es ist nur ein Sprung von der warmen in die kalte Ecke und unter die Decke. Das Aufstehen ist viel schlimmer.‘“

Über das Zehlendorfer Zuhause des Verlegers Peter Suhrkamp berichtete Zuckmayer: „Während der zweiten Kältewelle froren nicht nur die Wasserleitungen zu, sondern eines Nachts platzte und explodierte das Abflussrohr unter der Toilette, und eine Flut von gefrorenen Exkrementen kam heraus, die den ganzen Boden des Badezimmers bedeckte. Dieser gefrorene Unrat wurde zu einer Masse, die man nur als kaffeefarbene Eiscreme beschreiben kann.“