Studentenvertreterin Beryl Bömer: Studienanfänger finden keine Wohnung in Berlin

Weil viele Studienanfänger in Berlin keine Wohnung finden, fordert die Berliner Landes-Asten-Konferenz (LAK) Notunterkünfte für Studenten – ein Wort, das sonst meist in Verbindung mit Flüchtlingen oder Obdachlosen fällt. Wie groß ist die Not der jungen Leute? Beryl Bömer arbeitet in der Geschäftsstelle der LAK, in der die Studierendenschaften aller Universitäten der Stadt mit ihrem Asta vertreten sind. Die 28-Jährige spricht am Telefon von unterwegs, sie studiert Politikwissenschaften und macht den Job bei der LAK nebenbei.

Frau Bömer, in der vergangenen Woche hat das Wintersemester begonnen. Wie viele Studenten haben noch keine Wohnung?

Das lässt sich schwer schätzen, Zahlen gibt es nicht. Zu den Asten kommen in diesem Jahr deutlich mehr Hilfesuchende – das kann aber auch daran liegen, dass wir uns so öffentlich mit dem Thema Wohnungsnot beschäftigen.

Dennoch sagt die LAK, dass die Wohnungslosigkeit unter Studierenden ungekannte Ausmaße annimmt...

Ja, das belegt zum Beispiel die letzte Sozialerhebung des Studentenwerks. Daraus geht hervor, dass Studierende immer mehr Geld für das Wohnen ausgeben. Im Schnitt sind es in Berlin schon 362 Euro pro Monat, vor vier Jahren waren es noch 317. Die Mieten steigen, gleichzeitig auch die Zahl der Studierenden und damit die Nachfrage nach preiswertem Wohnraum.

Was erzählen Ihnen die Studenten von der Wohnungssuche?

Man hört schon krasse Sachen: Oft wohnen Leute wochenlang in Hostels, bei Kommilitonen oder in Zelten. Ich kenne auch Studenten, die aus dem Umland nach Berlin pendeln, teils sogar von Leipzig aus. In einem besonders extremen Fall, das war im vergangenen Wintersemester, schlief ein junger Mann mehrere Nächte in der Ringbahn. Da wurde Wohnungslosigkeit richtig zu Obdachlosigkeit.

Viele erinnert Ihre Forderung nach Notunterkünften tatsächlich an Obdachlose oder Geflüchtete. Ist es nicht vermessen, die Not der Studenten auf die gleiche Stufe zu stellen?

Das wollen wir auf keinen Fall vergleichen. Wir verlangen ja auch nicht, das die Tempelhofer Hangars plötzlich für Studierende geöffnet werden. Wohnen ist ein Problem für alle in dieser Stadt, einzelne Gruppen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir wollen einen Fokus legen, aufzeigen, dass die Lage in Berlin für alle scheiße ist.

Wie stellen Sie sich Notquartiere vor?

An der Freien Universität gab es die Idee, leerstehende Uni-Villen in Dahlem vorübergehend dafür zu nutzen. Wir würden uns aber eigentlich einen zentraleren Ort wünschen, sodass Studierende aus allen Berliner Universitäten dort unterkommen können. Andere Städte haben zu Semesterbeginn auch schon Turnhallen geöffnet und Feldbetten aufgestellt. In München übernachten gerade Leute in Schlafnischen, die das Studentenwerk in einem leeren Gebäude eingerichtet hat.

Der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach (SPD), lehnt Ihre Forderung ab...

Ja, das stimmt. Er sagt, die Lösung sei zu kurzfristig. Da geben wir ihm sogar recht, denn langfristig sind natürlich auch wir für mehr dauerhaften Wohnraum.

Was muss sich tun?

Die 5000 Wohnplätze, die landeseigene Wohnungsgesellschaften bis 2020 bauen, reichen nicht aus. Aktuell gibt es in Berlin nur für fünf Prozent der etwa 180 000 Studierenden günstige Wohnplätze. 2020 werden es dann vielleicht acht oder neun Prozent sein – der Bundesschnitt liegt aber jetzt schon bei elf Prozent. Außerdem muss der Bund den Bafög-Satz erhöhen. Von den 250 Euro, die darin als Wohngeld vorgesehen sind, finden Studierende keine Zimmer mehr.

Auch private Gesellschaften bauen in Berlin für Studenten...

Ja, ich glaube, an der Frankfurter Allee und in Wedding haben kürzlich solche Häuser aufgemacht. Da zahlen Mieter 600 bis 800 Euro für ein Zimmer. Man muss gar kein Studi sein, um dort zu wohnen. Das ist Etikettenschwindel.

Wie will die LAK weiter vorgehen?

Wir haben Studierende aufgerufen, ihre Erfahrungen bei der Wohnungssuche aufzuschreiben und uns zu schicken. Die wollen wir auf der Website veröffentlichen. Auch denken wir über ein Social-Media-Portal nach, das Soli-Schlafplätze vermittelt. Aber auch an unserer Forderung nach Akutmaßnahmen halten wir fest.