Berlin - Jeden Montagmorgen um kurz nach fünf schlich Bernd Neuss* sich leise aus der Wohnung, um seine Frau und seinen zweieinhalbjährigen Sohn nicht zu wecken. Er hinterließ einen Zettel mit einem Herzchen auf dem Tisch – kurze Zeit später saß Neuss im Zug nach Freiburg, wo er arbeitete. Erst Freitagabend würde er die beiden wiedersehen. Fünf Tage, vier Nächte, 500 Kilometer und vier Bahnstunden lagen zwischen ihnen.

„Es ging damals nicht anders. Ich hatte keine Wahl“, erzählt Neuss. Sein Arbeitgeber hatte den Firmensitz in den Süden verlegt. Er wollte den Job als Redakteur nicht aufgeben – und seine Frau ihre Stelle als Therapeutin in Göttingen ebenfalls nicht. Ein Umzug kam also nicht in Frage. So wurde der Familienvater zum Wochenpendler. Ein knappes Jahr ging das so.

Entfremdung von der Familie

„Es gab viele Auseinandersetzungen. Alles musste ins Wochenende gequetscht werden. Sämtliche partnerschaftlichen Bedürfnisse beschränkten sich während der Woche aufs Telefon. Es fehlte Nähe. Das tat weh“, sagt Neuss. Eifersüchteleien spielten ebenso eine Rolle, wie Misstrauen und Vorwürfe. Und auch der kleine Sohn litt: „Er hat mich gesucht, wenn ich nicht da war. Er begann zu fremdeln und war am Freitag, wenn ich nach Hause kam, deutlich zurückhaltender. Das war schwer“, erzählt Neus.

Und auch der Vater selbst entfernte sich immer mehr von seiner Familie. Er kannte die Freunde seines Sohns nicht mehr, die Eltern der Freunde, das soziale Umfeld. Seine Frau hielt die Stellung, obwohl es hart war: Quasi alleinerziehend und verantwortlich für alles, was unter der Woche anfiel. Wenn der Sohn den Vater vermisste, zeigt die Mutter ihm Fotos, damit sich beide nicht noch weiter voneinander entfernten.

Für viele Menschen in Deutschland ist das Pendeln einer längeren Distanz zur Arbeit Alltag. Nach der letzten Erhebung des Mikrozensus von 2012 mussten 17 Prozent aller Erwerbstätigen einen mehr als 25 Kilometer langen Weg zur Arbeit zurücklegen. Im Schnitt brauchen deutsche Arbeitnehmer 44 Minuten zu ihrer Arbeitsstätte. Damit liegt Deutschland in Europa auf dem zweiten Platz hinter den Niederlanden.

Zahl der Berufspendler steigt kontinuierlich

Die Zahl der Berufstätigen, die in einem Bundesland wohnen und in einem anderen arbeiten, ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gewachsen: Jeder zehnte pendelt länderübergreifend, zeigen die Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2016. Zwischen 2004 und 2014 ist dieser Anteil um rund 28 Prozent gestiegen.

Pendeln bedeutet Stress: Stress für die Beziehung, Stress für die Gesundheit – und Stress für die Kinder. Denn wer pendelt, verliert Zeit – das belastet das Zusammenspiel von Familie und Beruf, Gesundheit und Zufriedenheit. „Es scheint ein irrationales Verhalten vorzuliegen, bei dem die Nachteile des Pendelns unterschätzt und falsche Erwartungen an die Vorteile der weniger zentral gelegenen Wohnsituation gehegt werden“, stellten die Ökonomen Alois Stutzer und Bruno S. Frey schon im Jahr 2004 fest.

Zum ersten Mal hat nun ein Forscherduo des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) untersucht, wie sich das Pendeln berufstätiger Vätern auf die Kinder auswirkt. Die Wissenschaftler ließen Mütter von insgesamt 560 Kindern einen Fragebogen zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder ausfüllen.

„Haupterkenntnis ist, dass sich das Pendeln negativ auf das Wohlbefinden der Kinder auswirkt. Denn Pendeln führt zu erhöhtem Stress. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Kinder aus“, erklärt Matthias Pollmann-Schult. Er und seine Kollegin Jianghong Li stellten außerdem fest, dass tägliches Pendeln der Väter mit verstärkten Problemen gegenüber gleichaltrigen Kindern einhergeht - unabhängig von Arbeitsstunden, Bildung, Herkunft, Alter der Väter und Mütter oder Migrationshintergrund.

Im Fokus der Wissenschaftler standen Kinder zwischen fünf und sechs Jahren. „Die Verhaltensauffälligkeiten nehmen zu, je weiter die Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort ist. Wöchentliches Pendeln kann zu emotionalen Problemen führen“, erklären die Forscher.

Auch Tobias Wegner kennt diesen Zwiespalt, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten. 350 Kilometer liegen zwischen ihm und seiner kleinen Familie während der Woche: Sohn und Frau in Karlsruhe, er auf IT-Seminaren in Regensburg. „Es ist schon krass, dass ein Kind mit zwei Jahren es so genau mitbekommt, wenn ich nicht da bin“, sagt der 26-Jährige. Wenn er am Wochenende zu Hause ist, lässt ihn sein Sohn nicht aus den Augen. „Ich merke aber auch gleichzeitig, dass er mit mir fremdelt. Das macht er auch bei anderen, nur eben nicht bei seiner Mutter. Das wäre sicher auch bei mir anders, wenn ich häufiger zu Hause wäre“, erzählt der junge Vater.