Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie fahren für mehrere Wochen in den Urlaub und keiner Ihrer Nachbarn oder Freunde hat Zeit, Ihre Blumen zu gießen und den Briefkasten zu leeren. Über ein Internetportal bieten Fremde ihre Hilfe an. Fünf Freiwillige melden sich bei Ihnen. Sie schicken keine persönlichen Daten mit außer ihre Stadtteile: Einer lebt in Charlottenburg, einer in Kreuzberg, einer in Marzahn, einer in Wedding und einer in Prenzlauer Berg. Wen wählen Sie?

Plattenbauten, Kriminalität und Arbeitslosigkeit

Mit einer ähnlich angelegten Studie zeigt die Freie Universität Berlin, wie Vorurteile über Stadtteile das Verhalten gegenüber der Bewohner der Gebiete systematisch beeinflussen. Die Wissenschaftler ließen Testpersonen an einem Vertrauensspiel teilnehmen, bei dem über die Mitspieler lediglich deren Wohnbezirk und keinerlei andere Eigenschaften bekannt waren. Dabei ging es darum, einem Mitspieler aus den genannten Stadtteilen Geld zu schicken, um es zu vermehren.

Das Ergebnis: Die Testpersonen vertrauen Menschen aus Marzahn und Wedding weniger als Mitspielern aus Charlottenburg, Prenzlauer Berg und Kreuzberg. Die Forscher gehen davon aus, dass die negativen Assoziationen von Plattenbauten, Kriminalität und Arbeitslosigkeit, die die Menschen mit Marzahn und Wedding haben, zu diesem Urteil führen.

Kein Abbild der Realität

Stadtteil-Vorurteile werden vor allem dann wirksam, wenn Urteilende wenig sonstige Informationen über ihren Gegenüber haben. „Bemerkenswert dabei ist, dass solche Stereotype nicht unbedingt die tatsächlichen Lebensverhältnisse eines Stadtteils widerspiegeln“, sagt Soziologie-Professor Christian von Scheve von der FU. So schneidet Marzahn in Punkto Arbeitslosigkeit und Durchschnittseinkommen eigentlich besser ab als Kreuzberg, viele sehen den Stadtteil dem Klischee folgend aber noch immer bloß als Hochhaus-Ghetto.

Wieder einmal zeigen die Forscher mit der Studie, wie Vorurteile das Zusammenleben von Menschen bestimmen. Sie appellieren zum Nachdenken über die Grundlage, auf der Urteile gefällt werden. Also: Wie wäre es mal mit einem Sonntagsausflug nach Marzahn anstatt in den Mauerpark? Scheint, als könnten dort viele Berliner noch echte Überraschungen erleben.