Der Wert ist bedenklich. Berliner müssen im Mittel für ihre Mietwohnung knapp über 27 Prozent ihres Einkommens ausgeben. Das liegt über dem Mittelwert von 77 Großstädten, wie eine noch nicht veröffentlichte Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ermittelt. Vielen Haushalten bleibt nach der Mietüberweisung weniger Geld als der Hartz-IV-Satz bietet. Fachleute sind alarmiert und fordern mehr Investitionen in den Wohnungsbau für Geringverdiener.

Die 90 Seiten starke Studie  enthält Daten aus dem Mikrozensus zu Haushaltseinkommen, Wohnstandards, Miethöhen, Gebäudealter und Wohnungsgrößen für   die 77 Großstädte, die 2014 mehr als 100 000 Einwohner zählten: Von Berlin mit einer Bevölkerung von damals 3,47 Millionen bis Siegen mit 100 325 Einwohnern. Die Studienautoren der  Humboldt-Uni und der Frankfurter Goethe-Universität – darunter der  Berliner Stadtsoziologe und Ex-Staatssekretär Andrej Holm – setzten dabei die    Nettoeinkommen der 25,37 Millionen Großstadtbewohner ins Verhältnis zu den Mietniveaus vor Ort.

Ergebnis: Während die Bewohner in den 77  Städten   im Mittel 26,8 Prozent ihres Einkommens für die Miete ohne Heizung und Warmwasser  aufzubringen haben, müssen die Berliner bereits 27,2 Prozent dafür zahlen. Die Mietbelastung in der Hauptstadt  ist damit  höher als in Stuttgart (27 Prozent).  Zwar sind die Mieten in Stuttgart höher als in Berlin, doch wegen der niedrigeren Einkommen in Berlin ergibt sich eine höhere Belastung der Bewohner der Hauptstadt. Höher noch als in Berlin liegt die Mietbelastung mit 28 Prozent in Frankfurt am Main,   München (28,3 Prozent), Hamburg (28,6 Prozent) und Köln (29,3 Prozent). Am geringsten ist sie mit 20,9 Prozent in Chemnitz, am höchsten mit 30,3 Prozent in Bonn.

Hohe Belastung für einkommensschwache Haushalte

 Rund 5,6 Millionen Haushalte in deutschen Großstädten müssen der Studie zufolge bereits mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete aufwenden. In der Sozialwissenschaft wie auch in der Immobilienwirtschaft gilt eine Mietbelastung von 30 Prozent als Obergrenze für bezahlbares Wohnen.  Jeder zehnte Großstadt-Haushalt gibt sogar mehr als die Hälfte des   Einkommens für die Miete aus. In 1,3 Millionen Haushalten bleiben nach Abzug der Miete Beträge, die unterhalb der  Hartz-IV-Sätze liegen und somit kaum zum Leben reichen.

Gut gestellte Personen leben  zwar in aller Regel in teureren Wohnungen als Geringverdiener. So zahlen Haushalte, die mehr als 140 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, im Schnitt 8,10 Euro pro Quadratmeter. Armutsgefährdete Haushalte mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens kommen aber schon auf eine Miete von 7,20 Euro pro Quadratmeter.  Unter dem Strich müssen wohlhabende Haushalten für die Bruttokaltmiete damit einen viel kleineren Teil ihres Nettoeinkommens aufbringen als arme: Sie geben nur gut 17 Prozent ihrer Nettoeinkünfte für Miete aus, in der armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppe  sind es fast 40 Prozent.

1,5 Milliarden Euro jährlich für sozialen Wohnungsbau reicht nicht

Wenig überraschend geht die relative hohe Belastung der einkommensschwachen Haushalte mit relativ bescheidenen Wohnverhältnissen einher. Je niedriger das Haushaltsnetto, desto älter, kleiner und schlechter ausgestattet sind   die Wohnungen.

Während Gutverdiener im Schnitt 52,5 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben, sind es in armutsgefährdeten Haushalten 37 Quadratmeter. Hinzu kommt, dass das Wohnungsangebot an einer entscheidenden Stelle weit hinter der Nachfrage zurückbleibt: Während in fast der Hälfte aller Haushalte alleinstehende Personen leben, liegt der Anteil der unter 45 Quadratmeter großen Singlewohnungen bei nur 14 Prozent. Folge: Viele Singles leben in größeren Wohnungen und zahlen entsprechend viel Miete.

Nach Ansicht von DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell ergibt sich aus den Studienergebnissen dringender  Handlungsbedarf. So müsse der Bund deutlich mehr  als die zugesagten 1,5 Milliarden Euro jährlich  für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stellen. 

Der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins (BMV) Reiner Wild forderte darüber hinaus, Mieterhöhungen in laufenden Verträgen auf maximal sechs Prozent in drei Jahren zu beschränken.