Mütter arbeiten viel zu viel, und die Zeit für die Kinder bleibt dafür auf der Strecke? Im Gegenteil. Wie eine Studie ermittelte, verbringen Mütter heute sogar doppelt so viel Zeit mit ihren Kindern als noch in den 60er Jahren. Durchschnittlich sind es 104 Minuten pro Tag, im Vergleich zu 54 Minuten im Jahr 1965. Bei den Vätern hat sich die Dauer sogar fast vervierfacht: von 16 Minuten täglich auf etwa 59 Minuten. Zu diesem Ergebnis kam im letzten Jahr eine Untersuchung von Giulia Maria Dotti Sani und Judith Treas, über die die Zeitschrift „Psychologie heute“ in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.

Für ihre Erhebung hatten die Forscherinnen Daten von 122.300 Müttern und Vätern aus elf westlichen Ländern im Zeitraum zwischen 1965 und 2012 erfasst und ausgewertet. Der Begriff „Zeit mit Kindern“ umfasse in der Definition der Studie ganz verschiedene Tätigkeiten, so Forscherin Judith Treas in einem Interview auf dem Wissenschaftsportal phys.org: zum Beispiel, das Essen für die Kinder vorzubereiten, sie zu füttern, zu baden, nachts wegen ihnen aufzustehen, mit ihnen Schulaufgaben zu machen und mit ihnen zu spielen. Die Probanden hätten per Tagebuch ihre täglichen Aktivitäten mit ihren Kindern festgehalten.

Akademiker-Eltern nehmen sich am meisten Zeit

Wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen, hängt offenbar auch vom Bildungsgrad ab. Die Studie zeigt, dass Mütter mit höherer Bildung mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als andere Mütter. Konkret sind das bei Müttern mit Hochschulabschluss 123 Minuten täglich, bei anderen Müttern dagegen 94 Minuten. Väter mit Hochschulabschluss sind 74 Minuten für ihre Kinder da, Väter mit geringerem Abschluss 50 Minuten.

Dass gerade Akademiker-Eltern am meisten Zeit mit ihren Kindern verbrachten, habe sie überrascht, erzählt Forscherin Judith Treas bei phys.org. „Wirtschaftstheorien zufolge sollten höhere Löhne gut gebildete Eltern eigentlich nicht dazu bringen, weniger zu arbeiten und mehr Zeit mit ihren Söhnen und Töchtern zu verbringen.“ Besonders diese Eltern hätten eigentlich auch das Geld, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen.

Sich intensiv kümmern als gezielte Förderung

Die Studienergebnisse, so Treas weiter, passten jedoch zur im Trend liegenden Wunsch vieler Eltern, sich „intensiv“ um ihr Kind kümmern zu wollen. „Die mit dem Kind verbrachte Zeit wird als entscheidender Faktor gesehen für die positive Entwicklung der Kinder, was die kognitive Entfaltung, das Verhalten und die schulischen Leistungen betrifft.“

Dass heutige Väter sich mehr einbrächten, das liege an ihrem gleichberechtigteren Rollenverständnis. „Sie wollen intensiver in das Leben ihrer Kinder eingebunden sein als es ihre eigenen Väter waren.“

Abweichende Ergebnisse in Frankreich

Das einzige Land, das in der Studie andere Tendenzen zeigt, ist Frankreich. Hier ist die Zeit, die Mütter mit ihrem Nachwuchs verbringen, zurückgegangen. Das könne, so Treas damit zusammenhängen, dass die öffentliche Kinderbetreuung in Frankreich stark ausgebaut sei. Experten spekulierten, dass französische Eltern daran glauben, dass Kinder sich auch gut entwickelten, ohne dass Eltern sich in ihrem Lebensstil zu sehr einschränkten.

(iwo, mit Material der dpa)