Berlin - Gut jede fünfte Gewalttat, an der Berliner Schüler beteiligt waren, ereignete sich im öffentlichen Nachverkehr oder unmittelbar an Haltestellen. In diesem Punkt fällt Berlin auch im bundesweiten Vergleich mit anderen Großstädten besonders negativ auf. Das ist aber nur ein Ergebnis der Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen zur Jugendgewalt in Berlin.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer ließ dafür 3 167 Berliner Neuntklässler in ihren Klassen schriftlich befragen. Und insgesamt kam er am Mittwoch zu einem überraschenden Ergebnis: „Es gibt viel Positives, Berlin ist gar nicht besonders schlimm.“ Zwar sei in der Hauptstadt jeder sechste Neuntklässler schon einmal beraubt, geschlagen oder erpresst worden, dieser Wert liege aber nur leicht über dem Bundesniveau und gleichauf mit anderen Großstädten. Mobbing und Gewalt an Schulen sei in Berlin sogar unterdurchschnittlich ausgeprägt, sagte Pfeiffer. Auch beim Alkoholmissbrauch lägen die Berliner Neuntklässler weit hinter anderen Großstädten. Bemerkenswert sei zudem, dass die Schüler überdurchschnittlich hohes Vertrauen in die Berliner Polizei hätten. „Das hängt wohl mit der vorbildlichen Präventionsarbeit an den Schulen zusammen“, lobte Pfeiffer. Das führe dazu, dass bei der Polizei trotz einer vergleichsweise niedrigen Aufklärungsquote relativ viele Anzeigen von Opfern eingehen würden (27 Prozent).

Gute Arbeit der Gesamtschulen

Einige kritische Anmerkungen zu Berlin machte der 67-jährige Kriminologe dann doch: Kiffende Schüler seien in Berlin viel öfter anzutreffen als in anderen Großstädten, Neuntklässler schauten auch besonders häufig Gewaltfilme (43 Prozent) und sie schwänzten verstärkt die Schule. Die Kriminologen sagen, dass Schwänzen neben dem Umgang mit kriminellen Freunden und Suchtproblemen die Jugendkriminalität besonders fördert.

Auch migrantische Schüler sind laut Studie relativ integriert. Die Zahl der türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen auf dem Weg zum Abitur sei deutschlandweit Spitze. „Hier leisten die Gesamtschulen gute Arbeit.“ Gleichwohl würden gerade russisch- und danach türkischstämmige Jugendliche (17 und 14 Prozent) wesentlich öfter zu Gewaltdelikten neigen als deutschstämmige Schüler (10 Prozent). Aus Asien stammende Schüler seien noch friedfertiger. Pfeiffers kühne These, wonach besonders religiös eingestellte muslimische Schüler ungleich gewaltbereiter seien als nichtreligiöse Muslime, erzürnte einige der Anwesenden in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln. Pfeiffer begründete die These damit, dass Imame vor ungläubigen Deutschen warnten. Zudem spiele die Machokultur und Gewalterfahrung im Elternhaus eine Rolle. Landeselternausschuss und Migrationsrat kritisierten Pfeiffer wegen der „ethnisierenden Fragen“ in den Fragebögen. Laut Studie hat mehr als die Hälfte der türkisch- und arabischstämmigen Neuntklässler homosexuellenfeindliche und antisemitische Einstellungen, 12 Prozent seien deutschenfeindlich.