Potsdam - Eigentlich ist alles ganz einfach mit der Vergangenheit: Die DDR war gar nicht so schlecht, aber zum Glück ist es vorbei. Sie war kein Unrechtsstaat und ihre Staatssicherheit ein normaler Geheimdienst – aber in öffentlichen Ämtern haben Stasi-Leute heute nichts zu suchen. Die Schulen befassen sich zu wenig mit DDR-Geschichte, aber 21 Jahre nach der Einheit sollte endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Das findet der Brandenburger Durchschnittsmensch, wie eine Umfrage im Oktober ergeben hat.

Alles klar? Den Mitgliedern der Enquetekommission im Potsdamer Landtag, die sich seit 2010 an der Aufarbeitung der Geschichte des Landes nach 1990 abarbeiten, schwirrte am Freitag jedenfalls der Kopf. Als Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die Ergebnisse der Befragung von 1.000 Brandenburgern vortrug, gab es Stirnrunzeln. Das mag daran gelegen haben, dass Politiker im Allgemeinen und Parlamentarier im Besonderen ziemlich schlecht wegkommen im Urteil der Bürger, wie übrigens auch die Medien.

Demokratie am besten als Idee

Dass es zu einem Innehalten, ja gespannten Zuhören kam, kann aber auch damit zu tun haben, dass die Studie druckfrisch und live präsentiert wurde. Im Gegensatz zu anderen Gutachten war sie nicht schon öffentlich und medial vorgekaut worden. Allerdings erlaubten die teils widersprüchlichen Resultate keine Reaktion im schlichten Freund-Feind-Schema, das die Kommission sonst prägt. Erst einmal freuten sich alle, dass 87 Prozent der Brandenburger gerne in ihrem Land leben, vor allem wegen der Natur. "Ein Zeichen, dass die Identifikation mit dem Land sehr hoch ist", sagte Güllner. Nach und nach fanden die Vertreter der Parteien dann Dinge im Datenwust, die ihnen auffielen oder aufstießen.

Die junge FDP-Abgeordnete Linda Teuteberg zeigte sich erschreckt über das geringe Vertrauen in die Gerichte (49 Prozent) und die Mehrheitsmeinung, dass die DDR viele gute Seiten gehabt habe: Arbeitsplätze, bessere Schulen und ein überlegenes Gesundheitswesen."Ein trauriger Befund", sagte sie.

Bürgerschelte stehe der Kommission nicht an, widersprach ihr Peer Jürgens von der Linkspartei, der wie Teuteberg die DDR nur als Kind erlebt hat. Es sei doch ein "sehr schöner Befund", wenn die Brandenburger die Demokratie als Staatsidee zu 86 Prozent gutheißen. Allerdings ist nur gut ein Drittel mit dem politischen System der Bundesrepublik in der Praxis zufrieden. Für das selbe System im Land Brandenburg können sich dagegen immerhin 61 Prozent erwärmen. Auch die Bundesregierung schneidet im Vertrauensurteil deutlich schlechter ab als die des Landes, die wiederum von den Bürgermeistern weit übertroffen wird. Je näher eine Institution den Bürgern ist, desto höhere Wertschätzung genießt sie.

Ostalgie gibt zu denken

"Ich erkenne die Brandenburger wieder", sagte CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski über die Umfrage. Im Rückblick seien sie milde, aber doch froh über die Wiedervereinigung. Ihn störe auch nicht, dass die Hälfte der CDU-Anhänger einen Schluss der Vergangenheitsdebatte befürwortet, die von der Parteispitze doch gezielt angefacht wird. Axel Vogel, Fraktionschef der Bündnisgrünen, nannte die Ergebnisse "zum Teil niederschlagend". Zu denken gebe vor allem die Ostalgie. "Da haben wir alle dran zu knabbern", prophezeite Vogel.

Wichtig sei aber auch, dass eine Mehrheit die Rolle der Stasi weiter diskutieren wolle und zwei Drittel deren Mitarbeiter als Amtsträger ablehnten. Über diese Fragen sind die rot-rote Koalition und die Opposition tief zerstritten. Die Umfrage zum DDR-Bild sollte Aufschluss geben, welchen Rang die Brandenburger der Geschichtsaufarbeitung beimessen. Nur eine Minderheit kennt die Enquetekommission und die Stasiakten-Beauftragte – aber die meisten finden beide richtig.

Die Studie im Internet: www.landtag.brandenburg.de