Erstmals haben renommierte Bildungsforscher einen Leistungsvergleich zwischen staatlichen und privaten Schulen in Deutschland vorgenommen und sind dabei zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Privatschulen sind, grob gesagt, nicht besser als öffentliche Schulen. „Insgesamt sind zumeist nur geringfügige Unterschiede zwischen den im Mittel erreichten Kompetenzen festzustellen“, sagte Petra Stanat, Direktorin am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Die Autoren der Studie haben dafür soziale Vorteile von Privatschülern, die überdurchschnittlich häufig aus bessergestellten Elternhäusern stammen, weitgehend herausgerechnet.

In Berlin überrascht dieser Befund auf den ersten Blick besonders. Schließlich haben Privatschulen wie die Evangelische Schule Frohnau, das Graue Kloster oder auch die Phorms-Schule im Berlinweiten Vergleich stets die besten Abitur-Noten vorzuweisen. „Unsere Schulen in freier Trägerschaft sind vielfältig“, sagte Andreas Wegener vom Berliner Privatschulverband. Es gebe auch Privatschulen, die würden wie „Rettungsstationen“ wirken und schwierige Schüler auffangen.

Die neue Studie vergleicht die Leistungen von Viert- und Neuntklässlern in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Für die Studie haben die Forscher zwei Vergleichsgruppen gebildet, die einen ähnlichen sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund haben. Unter Beachtung der sozialen Einflüsse fielen die Leistungen der Privatschüler nur beim Zuhören im Fach Deutsch – hier wird ein Vorsprung von einem halben Schuljahr attestiert – sowie beim Hörverstehen im Fach Englisch besser aus.

Für das recht gute Englisch-Verständnis haben die Forscher eine Erklärung: Privatschüler seien häufiger und früher im englischsprachigen Ausland unterwegs. Die guten Hörverständnis-Werte im Deutschen werden damit begründet, dass Privatschüler häufiger Theatervorstellungen oder ähnliche Veranstaltungen besuchen. Kurioserweise fiel das Leseverständnis im Fach Englisch an Privatgymnasien hingegen sogar schlechter aus als an staatlichen Gymnasien. Das Fazit der Forscher: Angesichts der auserlesenen Schülerschaft hätte man von Privatschulen größere Vorteile erwarten können.

Jeder zehnte Schüler in Berlin besucht Privatschule

Der repräsentative Leistungsvergleich basiert auf den IQB-Bildungstrends der Jahre 2015 und 2016. Untersucht wurden Schülerdaten an bundesweit 2 721 Schulen, darunter etliche Privatschulen. Neben Stanat zählen auch die Bildungsforscher Klaus Klemm und Kai Maaz zu den Autoren der Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wird indes der soziale Faktor nicht herausgerechnet, erreichen Viertklässler an Privatschulen im Fach Deutsch in allen Bereichen bessere Werte als ihre Altersgenossen an öffentlichen Schulen. Beim Lesen lagen sie um ein halbes, bei der Rechtschreibung um ein Viertel Schuljahr voraus. Das holen Schüler an staatlichen Schulen, die nicht unmittelbar zum Abitur führen, nicht mehr auf. Die Neuntklässler an staatlichen Gymnasien schließen hingegen zu den vergleichbaren Privatschülern auf.

Die Forscher weisen darauf hin, dass Privatschulen mit ihrem Schulgeld die soziale und ethnische Trennung verstärken. „An Privatschulen ist der Anteil der Schüler geringer, deren Eltern niedrige Einkommen, keinen Hochschulabschluss oder einen Beruf mit geringem sozialen Ansehen haben“, schreiben sie. Auch sei der Migrantenanteil wesentlich geringer. Zuletzt warf eine andere Studie die Frage auf, ob Privatschulen gegen das Sonderungsverbot des Grundgesetzes verstoßen. Denn dort ist festgelegt, dass niemand wegen eines hohen Schulgeldes vom Besuch einer Schule ausgeschlossen werden darf.

Jeder zehnte Berliner Schüler geht auf eine Privatschule

In Berlin besucht derzeit jeder zehnte Schüler eine Privatschule, hier wie insgesamt in Ostdeutschland war es in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Privatschul-Boom gekommen. Allerdings stagniert die Zahl der Neugründungen in Berlin mittlerweile nahezu. Privatschulträger finden nur noch schwer Immobilien und Personal – vor allem seitdem die staatlichen Schulen, die meist besser bezahlen, massiv einstellen. Das Erzbistum Berlin kündigte für seine Privatschulen bereits deutliche Schulgeld-Erhöhungen an. Begründet wird dies auch mit hohen Pensionslasten.

Und nicht immer ist es besser an Privatschulen. Für Aufsehen sorgte jüngst ein Fall an einer bilingualen Privatschule in Mitte. Ein angeblich auffälliger Schüler musste dort während des Unterrichts zeitweise in einem Verschlag aus Stöcken und Stoff unter einem Tisch ausharren.