Die Bibliothek der Humboldt-Universität - vor Corona häufig überlaufen.
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BerlinDie Studentenschaft an den zwölf staatlichen Hochschulen Berlins schließt ihr Studium immer seltener innerhalb der Regelstudienzeit ab. Das geht aus der Antwort von Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) auf eine parlamentarische Anfrage des wissenschaftspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Adrian Grasse, hervor. 

Die Regelstudienzeit beträgt meist sechs Semester bis zum Bachelor, vier weitere bis zum Master. Laut Statistik schafften im vergangenen Jahr 31 Prozent der Absolventen das Studienende in der RSZ, ein Prozentpunkt weniger als 2018. Die Quote der Absolventen, die in der RSZ oder mit einer Überschreitung von maximal zwei Semestern fertig geworden waren, sank gleichfalls – von 72 auf 71 Prozent. Von 2016 bis 2019 wuchs die durchschnittliche Zahl der Semester, die bei einer Überschreitung der RSZ zusätzlich absolviert wurden, von 2,6 auf 2,9.

Überraschend ist dabei, dass die Studenten an den Kunsthochschulen – Schauspieler, Musiker und bildende Künstler – viel pünktlicher fertig werden als an nahezu allen anderen Hochschulen. Die Klischee vom kreativen Studiengang im Lassez-faire-Modus stimmt also nicht.

Besonders schlecht sind die Werte an der Technischen Universität (TU). TU-Vizepräsident Prof. Dr. Hans-Ulrich Heiss erklärt für seine Universität, warum die Studiendauer so häufig überschritten wird: „Das liegt im Wesentlichen an unserem Fächerspektrum. Die TU hat im Vergleich zu Freier und Humboldt-Uni nur wenig Geistes-, kaum Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, keine Rechtswissenschaften, dafür aber zu zwei Dritteln Studierende in den Ingenieurwissenschaften, die grundsätzlich als schwer gelten und auch im Bundesvergleich längere Studiendauern aufweisen.“ Betrachte man Fächer wie zum Beispiel Informatik, die an allen drei Unis angeboten, so schneide die TU mindestens so gut oder besser ab als FU und HU.

Die Regelstudienzeit gibt an, in wie vielen Semestern ein Studiengang bei idealem Verlauf in Vollzeit absolviert werden kann. Eine Sprecherin der Wissenschaftsverwaltung:  „Für die Studierenden ergibt sich daraus keine unmittelbare Verpflichtung, jedoch können Hochschulen bei Verzögerungen Beratungsangebote machen.“

Zwei Semester mehr sind normal

Für eine Überschreitung der RSZ gebe es Gründe, die auch für eine Verlängerung der an die RSZ gekoppelten BAföG-Leistungen akzeptiert würden. Beispielsweise Krankheit, Pflege von Angehörigen oder Schwangerschaft. Statistisch könne sich auch auswirken, wenn Studienabschlüsse erst nach Bewertung der Abschlussarbeit und Ausstellung des Zeugnisses erfasst werden. Daher werde eine Überschreitung um zwei Semester als normal angesehen.

Gabriel Tiedje vom Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) der TU erklärte gegenüber der Berliner Zeitung, dass „der wohl wichtigste Grund für eine immer länger werdende Studierendenzeit der finanzielle“ sei. Nur noch gut zehn Prozent aller Studierender könnten via BAföG ihr Studium finanzieren und gut fünf Prozent bekämen men ein Stipendium. Knapp 85  Prozent der Studierenden müssen also neben dem Studium andere Wege der Finanzierung finden. „Häufig wird dies über einen oder mehrere Nebenjobs gemacht.“ Selbst mit BAföG müssten die Kommilitonen nebenher arbeiten.

Es fehle an Aufklärung über Möglichkeiten, Beruf und Studium beispielsweise über das Teilzeitstudium zu verbinden. Hinzu komme, dass Studienverlaufspläne oft so streng und unflexibel aufgebaut seien, dass keine Rücksicht auf die soziale Lage der Studierenden genommen werde.

Die notwendige Arbeitsleistung für die Studien-Module stünden laut AStA oft nicht im Verhältnis zu dem, was am Ende an Leistungspunkten zu bekommen sei. Der wöchentliche Arbeitsaufwand übersteige vielfach die vorgegebene Berechnung, dazu kämen diverse Vor- und Hauptprüfungen, die aufeinander aufbauen.

Einmal durchfallen - ein Jahr Verzögerung

Wenn man bei einer durchfällt, müsse man teilweise ein Jahr warten, bis man erneut antreten kann. Tiedje:  „Fasst man diese bürokratischem Umstände zusammen, kann durch ein Durchfallen in einer Prüfung schnell ein Verzug von über einem Jahr aufgebaut werden ohne Verschulden der Studierenden.“  

Gerade Studierende aus nicht-akademischen Haushalten müssten viel häufiger und viel früher neben dem Studium arbeiten, da ihnen weniger Ressourcen zur Verfügung stehen. Sie neigten zum einen dazu,  ihr Studium zu verlängern, um überhaupt zu einem Abschluss zu gelangen, zögen gleichzeitig aber auch schneller einen Abbruch in Erwägung.

Der Senat bestätigt vieles, was der AStA bemängelt: Bei Befragungen, warum Studentinnen und Studenten länger brauchen, werde häufig Erwerbstätigkeit genannt, wenn BAföG oder elterliche Unterstützung für Lebensunterhalt und Miete nicht ausreichen.  

Schließlich müsste in technischen Fächern in den ersten Semestern vielfach Wissen vermittelt werden, das eigentlich in der Schule hätte gelehrt werden müssen. Das stiehlt Zeit.

Der Senat unterstütze die Hochschulen beim Angebot zum Beispiel mit Beratungsangeboten oder Tutorienprogrammen. Hierfür würden Mittel bereitgestellt.

Bundesmittel in Gefahr?

Grasse reicht das nicht: „Ich kann die offensichtliche Gelassenheit des Senats angesichts dieser Entwicklung hin zum Langzeitstudium nicht nachvollziehen. Der Senat macht es sich zu einfach, wenn er die Verantwortung quasi an die Hochschulen delegiert. Eine Analyse der Daten ist überfällig.“ Der Abgeordnete führt schließlich Geld als Argument ins Feld: „Die Zahl der Studienabschlüsse in der Regelstudienzeit ist eines der Kriterien für die Verteilung der Bundesmittel aus dem ‚Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken‘.“  Mit rund zwei Milliarden Euro sollen von 2021 an vor allem qualitätsverbessernde Maßnahmen an den Unis finanziert werden. Berlin kann jährlich rund 30 Millionen Euro aus dem Vertrag erwarten.