Pendeln nach Potsdam – für viele Studenten in der brandenburgischen Landeshauptstadt gehört die tägliche S-Bahn-Fahrt zum Alltag. Über eine Stunde sind viele von ihnen von der Haustür bis zum Vorlesungssaal unterwegs. Vor allem das Leben in Berlin ist vielen die Pendelei wert. „In Potsdam geht abends eigentlich nichts“, heißt es, wenn man sie fragt, weshalb sie nicht in Potsdam wohnen.

Dieser Inhalt ist nicht mehr verfügbar.

Dabei studieren mehr als 24.000 Menschen in Potsdam an fünf Hochschulen. Das sind zwar viel weniger als in Berlin – hier studieren mehr als 171.000. Berlin hat allerdings auch 3,5 Millionen Einwohner, Potsdam nur knapp 159.000. Prozentual auf die Bevölkerung heruntergerechnet, hat Potsdam also mehr Studenten als die Hauptstadt. Etwa drei Viertel der Potsdamer Studenten pendelt aus Berlin oder dem Umland, ein Viertel wohnt in Potsdam selbst. Das klingt wenig, macht aber immerhin noch 6000 Menschen – die alle kein Studentenleben führen?

Schwierige Wohnsituation

Robert Barsch, der im Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität Potsdam für das kulturelle Leben zuständig ist, schüttelt bei solchen Thesen nur den Kopf. „Es gibt zwei Gruppen von Studierenden in Potsdam. Die Pendler, die jeden Abend um 18 Uhr nach Hause fahren. Und diejenigen, die hier wohnen. Denen wird ein ausgiebiges Studentenleben geboten.“ Tatsächlich sei die Studierendenszene in Potsdam außergewöhnlich gut vernetzt. Während sich studentisches Leben in Berlin in Kiezkneipen und Cafés abspiele, organisierten die Studenten in Potsdam ihr kulturelles Angebot weitgehend selbst.

Beispielsweise im Pub à la Pub – einer studentischen Bar, fußläufig vom Hauptbahnhof und der Innenstadt erreichbar. Das Pub hat jeden Abend geöffnet und wird vom Verein Studentisches Leben betrieben. Holger Zieschank ist dessen Vorstandsvorsitzender. Neben seinem Studium der Wirtschaftsinformatik investiert er viel Zeit in die Arbeit im Pub. Er ist von dem Projekt überzeugt: „Die Arbeit macht Spaß. Aber vor allem entsteht eine Gemeinschaft unter den Studierenden.“

Das Pub wiederum ist Partner des Nil – eines Clubs in den Kellergewölben unter dem Campus am Neuen Palais, der zur Uni Potsdam gehört. Das Nil veranstaltet fast jeden Abend wechselndes Programm vom Spieleabend bis zur Metal-Party. Jeden Donnerstag ist Länderabend, der gemeinsam mit Erasmus-Studenten organisiert wird. „Dann wird es hier brechend voll“, sagt Florian Rumprecht, der im Nil ehrenamtlich arbeitet. Ursprünglich wollte er zu Beginn seines Studiums nach Berlin ziehen, dann aber bekam er einen Wohnheimplatz in Potsdam. Mittlerweile war er schon seit Monaten nicht mehr in Berlin. Auch er schätzt die Nähe, die in Potsdam besonders schnell zwischen den Studierenden entsteht. „Ich könnte nirgendwo mehr wohnen, wo es so anonym zugeht wie in Berlin“, sagt er. „Im Nil lernt man schnell Leute kennen, die man dann häufig an anderen Orten wiedertrifft.“ Auch auf dem neuen Campus der FH Potsdam gibt es ein studentisches Café, das Casino. Dort kommen Studenten zusammen, doch Pendler sieht man hier wie auch im Pub und im Nil eher selten.

Robert Barsch würde sich wünschen, dass mehr von ihnen das breite Angebot schätzen und eben in Potsdam wohnen würden: „Leider ist die Wohnsituation für Studierende hier schwierig“, sagt er.

Rund 2800 Wohnheimplätze gibt es in Potsdam. Als Alternative bleiben von Privatfirmen betriebene Wohnheime oder Wohngemeinschaften. Doch Wohnraum in Potsdam ist insgesamt begrenzt, und günstig sind die Mieten fast nur dort, wo der Weg zur Uni wiederum so weit ist, dass man auch nach Berlin ziehen kann.

Mitten in der Innenstadt hat die Studierendenschaft deshalb einen ganzen Gebäudekomplex gemietet und auf dem Areal ein studentisches Kulturzentrum, das Kuze, eingerichtet. Die Wohnungen dort sollen in Zukunft bei einem Mieterwechsel Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Daneben bietet das Kuze eine Kneipe und einen Veranstaltungssaal für Theateraufführungen und Konzerte.

„Unser Ziel ist es, Kultur kostenlos und barrierefrei anzubieten“, sagt Paul Möller, der im AStA für das Kuze zuständig ist. Wie die anderen Bars wird auch das Kuze ehrenamtlich betrieben. Die Einnahmen der Kneipe decken häufig nur die Kosten. Alles, was darüber hinaus verdient wird, fließt in einen Kulturfonds. „Damit bezuschussen wir studentische Veranstaltungen im Kuze“, sagt Möller. Aufgrund der Nähe zur Fußgängerzone mischen sich unter die Gäste oft auch Berliner. „Die wundern sich dann, dass es so etwas wie das Kuze auch außerhalb der Hauptstadt gibt“, sagt Möller.

Das klingt, als stünde das Studentenleben in Potsdam dem in Berlin in nichts nach. Doch einen Vorteil muss Robert Barsch der Berliner Szene zugestehen: „Wer gerne exzessiv drei Tage durchfeiern möchte, der kann das nur in Berlin. Aber alle anderen müssen Potsdam eigentlich gar nicht verlassen.“