Potsdam-Babelsberg - Direkt hinter dem Eingang zum Studiogelände kreuzen sich zwei Straßen. Sie tragen die Namen von Georg Wilhelm Pabst und Quentin Tarantino. Der Filmkünstler der Weimarer Republik und der Regiestar aus Hollywood. Schöner könnte das Koordinatensystem nicht benannt sein, in dem sich das Babelsberger Studio heute sieht, hundert Jahre nachdem die erste Klappe fiel.

Im Kaiserreich gegründet, in der Weimarer Republik berühmt geworden, von den Nationalsozialisten als Propagandainstrument genutzt, in der DDR zur Erbauung der Werktätigen bewirtschaftet und nun dem Spiel des Marktes unterworfen. An kaum einem anderen Ort lässt sich deutsche Geschichte so bildhaft begreifen wie in Babelsberg. Was hier in der Natur der Sache liegt, denn Bilder sind schließlich das Produkt dieser Fabrik. Das Studio ist nur ein leerer Raum. Gefüllt wird er mit den Träumen und auch Albträumen der Menschen, die dort arbeiten, die ihre Fantasie hingeben, ihr Geld und mitunter ihre Gesundheit.

Die Erfindung des Filmstars

Es ist der 12. Februar 1912, ein Montag, als an der Stahnsdorfer Straße in Babelsberg die erste Klappe zu dem Film „Der Totentanz“ fällt. Guido Seeber, der Chefkameramann der Firma Bioscop, musste auf diese Gegend vor den Toren Berlins ausweichen, da ihm die Feuerpolizei die Dreherlaubnis für die Stadt versagt hat. Der Film mit seinen heißen Lampen ist zu dieser Zeit ein explosives Gewerbe. Über den Winter ließ Seeber auf einer Fläche von 15 mal 20 Metern eine Hütte zimmern, die mit ihren Glasfronten an ein Gewächshaus erinnert. Vor der Kamera steht dann die dänische Schauspielerin Asta Nielsen, deren Auslandsengagement ihr dazu dienen sollte, einen Lebensstil zu kreieren, der sich bis in die Gegenwart hält und längst der entscheidende Finanzierungsfaktor in der Branche ist. Sie wird Filmstar.

Die Erfindung des Filmstars ist eine von vielen Pionierleistungen, die sich mit Babelsberg verbinden. Die Handkamera, 1924 in Murnaus Film „Der letzte Mann“ verwendet, zählt ebenso dazu wie die cinematografische Großproduktion, die in Fritz Langs „Metropolis“ ein frühes Vorbild hat, bis hin zur Konsequenz, dass sie das Studio 1927 an den Rand des Ruins getrieben hat. Der Kinofilm ist ein volatiles Geschäft, daran hat sich nichts geändert. Jeder Flop kann Existenzen kosten und ein Kunstwerk amortisiert sich immer noch am besten durch den Verkauf von Publikumsrennern.

Tom Hanks, Murat Kurnaz, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“

Dieser Tage ist an der Kreuzung Pabst/Ecke Tarantino nicht viel los. Die Schranke am Eingangstor, wo die aktuellen Produktionen groß angeschlagen sind, hebt sich nur gelegentlich. Tom Tykwers neuer Film „Der Wolkenatlas“ mit Tom Hanks und Susan Sarandon ist abgedreht, die Arbeit an der Horrorkomödie „Hansel and Gretel: Witch Hunters“ liegt in den letzten Zügen. Und die Kulisse für das Drama „Fünf Jahre“, das die Geschichte des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz erzählt, wurde kürzlich auch abgeräumt, so dass im Moment auf dem Babelsberger Gelände lediglich die tägliche Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ fabriziert wird.

Das muss kein Grund zur Sorge sein. Im Winter laufe der Betrieb bei ihnen immer etwas ruhiger, sagt Carl Woebcken, 55, der gemeinsam mit seinem Partner Christoph Fisser das Studio vor acht Jahren für einen Euro aus den Händen des erfolglos operierenden französischen Medienkonzerns Vivendi übernommen hat. Seit 2005 notiert Babelsberg an der Börse und so sieht sich das Unternehmen stärker denn je der internationalen Konkurrenz ausgesetzt.

Hollywood, das ist kein Spaß

Soeben kommt Woebcken aus Los Angeles zurück, wohin er vier-, fünfmal im Jahr zu Routinebesuchen reist, wie er es nennt. Hollywood, das ist für ihn kein Spaß. In vier Tagen klappert er sechs Studios und ein Dutzend unabhängiger Produzenten ab, um den Stand der Dinge nachzufragen. Finanzierung, Drehbücher, Regisseur, Besetzung. Immerzu ändert sich was, so dass es mitunter viele Jahre dauert, bis ein Projekt verwirklicht werden kann.

Unter diesen Umständen ist in Babelsberg Planung oft die wahre Kunst. Acht bis zehn Filme im Jahr seien für eine positive Bilanz nötig, sagt Woebcken, darunter drei große internationale Produktionen, um die Studios auszulasten. Als im Herbst ein Film nach Kanada abgewandert ist, wo die Förderkonditionen günstiger sind, sah sich das Studio empfindlich getroffen. „Mit dem Film hätten wir einen schönen Gewinn gemacht“, sagt Woebcken, „so sind wir an der schwarzen Null entlanggeschrammt, das dritte Jahr in Folge. Das ist nicht lustig.“

Auf einem Tisch in seinem Büro liegt ein Buch, dick wie ein Ziegel, es sind die Memoiren eines gewissen Adam Lang. Auf dem Einband ist das Porträt von Pierce Brosnan zu sehen, drin steht die Geschichte von Tony Blair – die Illusionsmaschine Kino in ihrer kompaktesten Form. Das Buch ist ein Requisit aus Roman Polanskis Thriller „Ghostwriter“, in dem sich der britische Premier in einer mörderischen Intrige wiederfindet. Dafür gab es den Silbernen Bären der Berlinale und den Europäischen Filmpreis. Bilanzen, schön und gut, am Ende wollen die Leute aber keine wunderbaren Bilanzen sehen, sondern wunderbare Filme.

Eine Kompanie Schneiderinnen

Für einige der Filme, die in Erinnerung bleiben, hat Berndt Wenzel die Interieurs mitgestaltet, für viele, die vergessen sind, auch. Das ist normal, wenn man so lange dabei ist wie er. Fast die Hälfte des Babelsberger Jahrhunderts hat Wenzel, 62, dort erlebt. Seine erste große Produktion, Konrad Wolfs „Goya“, für die er die Stuckdecke eines spanischen Palastes angefertigt hat, läuft in einer Retrospektive der Berlinale.

Heute ist Berndt Wenzel der dienstälteste Kollege im Studio. In einem blauen Aktenordner, der vor Entwürfen und Fotos überquillt, hat er die Zeugnisse seines Berufsleben gesammelt. Und in seiner Werkstatt stehen noch ein paar Stücke, die ihm besonders wichtig sind, etwa die Pietà von Käthe Kollwitz, die er für einen Film in Gips nachempfand oder auch die Maske des englischen Anarchisten Guy Fawkes, die er für den Comicthriller „V wie Vendetta“ aus einer gezeichneten Vorlage abgeleitet hat. Die Maske mit dem gezwirbelten Schnurrbart ist jetzt das Accessoire der Occupy-Bewegung.

Berndt Wenzel ist 1965 nach Babelsberg gekommen, zu einer Zeit, als die Auslastung des Studios deren geringstes Problem war. Die Filme der volkseigenen Defa wurden im Plan notiert, und dieser war Gesetz. Für die innerbetrieblichen Dramen sorgten Debatten um die Wahrheit in der Kunst. 1965 wurde die halbe Jahresproduktion verboten, darunter Filme wie „Spur der Steine“ und „Das Kaninchen bin ich“.

Ein Abenteuer, beim Film anzufangen

Von den politischen Kämpfen im Studio bekam Wenzel nicht viel mit, als er dort seine Lehre als Stuckateur begann. Für ihn war es ein Abenteuer, beim Film anzufangen. Erst wollte er bleiben, hat sogar noch Bildhauerei studiert – am Ende durfte er bleiben. Nach der Wende erlebte er sechzehn Geschäftsführer, viele von ihnen nur kurz. Oft wusste er morgens nicht, ob er abends noch Arbeit hat. Von den 2.500 Angestellten der Defa sind heute vielleicht noch neunzig im Studio zu finden.

Dabei ist es ist nicht so, dass der Film im Computerzeitalter keine Handarbeit mehr kennen würde. Sobald ein Projekt startet, werden Leute angeheuert, in Manufakturen wird gesägt, gehämmert, gefärbt, genäht. An der Kulisse von „Hansel and Gretel“ arbeiteten allein dreißig Bildhauer, für die elisabethanischen Kostüme im Shakespeare-Thriller „Anonymus“ schuftete eine Kompanie Schneiderinnen.

Und so dürfte es nicht mehr lange dauern, bis auf der Babelsberger Quentin-Tarantino-Straße wieder etwas los ist. Es darf nun allerdings auch nicht mehr lange dauern.