BerlinDiana Meemken ist Professorin für Fleischhygiene am Institut für Lebensmittelsicherheit an der Freien Universität Berlin (FU). Die Kurse gehören zu den Pflichtveranstaltungen von Studierenden der Veterinärmedizin. Das Team am Institut besteht aus Tierärzten, technischen Mitarbeitern und einem Fleischermeister. Werdende Tierärzte lernen in den fortgeschrittenen Semestern alles rund um die Themen Fleisch, Tiergesundheit und Lebensmittelhygiene. Elementarer Bestandteil sind die praktischen Kurse am Tierkörper. Wie man das unter Corona-konformen Bedingungen schafft, erzählt die Tierärztin im Gespräch.

Berliner Zeitung: Frau Meemken, Sie sind Professorin für Fleischhygiene. Wie kann man sich das Fach vorstellen?

Diana Meemken: Die Lehre besteht einerseits aus Vorlesungen. Vor der Pandemie waren das Präsenzveranstaltungen. Sie bereiten die Studierenden auf die praktischen Kurse vor.

Wie sahen die aus?

Zwanzig Studierende haben in einer Demonstrationshalle die praktische Schlachttier- und Fleischuntersuchung beim Rind, Schwein und Geflügel durchgeführt. Dort hängen an Haken genussuntaugliche Tierkörper und Organe. Die untersuchen die Studierenden dann gemeinsam mit dem Messer. Das haben wir immer innerhalb einer Woche und mit einem Dozenten durchgeführt. Pro Tag haben die Studierenden eine Tierart durchgearbeitet, dazu gab es mikrobiologische Untersuchungen.

Diese praktischen Übungen sind also elementar in der Vorbereitung auf den Beruf?

Absolut. Das ist das Kernelement, das wir vermitteln. Direkt am Tierkörper, an den Organen zu stehen. Ein weiterer Teil der praktischen Ausbildung ist das außerhalb der Universität stattfindende Praktikum an Schlachtbetrieben selbst. Das ist wichtig, um unter echten Bedingungen zu lernen.

Wie sind die Bedingungen in Ihrem Institut jetzt?

Neben nationalen Vorgaben hat auch jedes Institut in der Regel verschärfte Hygienekonzepte. Wir tragen alle einen Mund-Nasenschutz, besprechen uns nur online oder draußen und haben Anwesenheitslisten. Im Prinzip haben wir einen Normalbetrieb unter Pandemiebedingungen – mit keiner oder kaum persönlichen Begegnungen.

Quelle: Privat
Zur Person

Diana Meemken, Tierärztin und Professorin für Fleischhygiene, geboren 1977, lehrt seit 2017 an der FU Berlin. Meemken studierte in Budapest und an der Universität Leipzig und lehrte bereits in Hannover und Halle.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in der praktischen Lehre durch Corona?

Es sind drei. Einmal haben wir keinen persönlichen Kontakt zwischen Dozenten und Studierenden in den Kursen. Somit fehlen uns die direkten Diskussionen. Oder die Möglichkeit, im Anschluss Fragen zu klären. Mit den Abstandregeln bekommen wir nur 25 Studierende in einen Vorlesungsraum. In einem Semester sind aber 160 Studierende. Deshalb führen wir keine Präsenzvorlesungen durch. Über virtuelle Diskussionsforen können wir einiges abfangen. Aber das ersetzt den direkten Austausch nicht.

Die zweite sind die praktischen Kurse. Das Wissen wird auch im Staatsexamen geprüft. Die Personenzahl ist eingeschränkt, wir haben FFP2-Masken an, müssen Abstand halten und können nicht miteinander am Tierkörper stehen. Das ist wirklich schwierig: Man versteht sich schlecht, kann nur schwer atmen und sich nicht gegenseitig assistieren.

Die dritte sind die Praktika in den Schlachthöfen. Im Sommersemester sind fast alle abgesagt worden. Da mussten wir dann von der Universität aus Ersatz anbieten. Aber das ist für die Ausbildung ein Manko. Wie sich das auswirkt werden wir sehen, wenn im Winter die praktische Prüfung stattfindet.

Alle diese drei Punkte gehen zu Lasten der Studierenden.

Das stimmt. Es gibt aber auch Vorteile der neuen Lehre. Das melden die Studierenden auch zurück. Dass ihnen eigentlich Teile der Online- und Kleingruppenlehre besser gefallen.

Und wie konzipieren Sie die Online-Lehre?

Die Vorlesungen werden online und live gehalten. Sodass wir die direkte Diskussion wenigstens virtuell haben. Oder wir stellen PowerPoint-Zusammenfassungen bereit, die mit Audios und Videos gestützt werden. Die können sich die Studierenden dann mit einer Frist anhören und ansehen. Dazu gab es interaktive Elemente, wie Multiple-Choice Tests, Chatfragen, Diskussionsforen. Wir sind, wenn man so will, sehr präsent – hinter dem Bildschirm. Das war für uns alles mehr Aufwand, aber wir wollten auf keinen Fall, dass eine Frage unbeantwortet bleibt. Den praktischen Kurs haben wir umorganisiert. Die theoretische Begleitung fällt weg, das muss in den Köpfen der Studierenden vorhanden sein, damit wir uns auf die Praxis konzentrieren können. Das war ein Vorteil. Die Studierenden haben sich besser vorbereitet. Die Gruppen sind kleiner, nur neun bis 12 Studierende, die jeweils wieder in Kleingruppen von je einem Dozenten unterrichtet werden. Dann rotieren die Gruppen.

Dann brauchen Sie doch mehr Dozenten?

Ja. Drei gleichzeitig. Wir haben uns selbst im privaten Leben zurückgenommen, damit von uns keiner in Quarantäne kommt. Uns war wichtig, dass wir es irgendwie durchbekommen. Deshalb haben wir die Praxis geballt, und alles auf einen Tag gelegt, damit die Studierenden nicht so oft an- und abreisen müssen. Was wegfällt, sind die Laborexperimente. Die werden durch einen Film ersetzt.

Welche Voraussetzungen waren dafür nötig?

Die Universität hat ab Tag 1 der Pandemie die digitalen Strukturen aufgestellt. Über das Online-Systeme und VPN-Clients war der virtuelle Austausch möglich. Dazu war auch das Engagement der Studierenden nötig, aktiv dabeizubleiben. Die Videos zum Beispiel waren immer nur bis zu einer bestimmten Frist online. Das müssen die Studierenden auch lernen: ein einfaches Ansehen ist nicht gleich Verstehen. So ist es flexibel, aber auch begrenzt.

Haben solche digitalen Tools auch vorher schon eine Rolle gespielt?

Für unsere Lehre war sowas vorher nicht notwendig. Wir haben das alles quasi über Nacht gemacht. Das wurde auch von der Uni toll vorbereitet, es gab auch Workshops. Inzwischen gibt es auch kaum Engpässe mehr – die haben Tag und Nacht gearbeitet, um diese Struktur im Hintergrund bereitzustellen, sodass Homeoffice und mobiles Arbeiten möglich ist.

Gab es Rückmeldungen seitens der Studierenden?

Auch den Studierenden fehlt der direkte Austausch. Und dann müssen alle ein internetfähiges Endgerät haben – im besten Fall mit Kamera und Mikrofon. Da gab es eine Spendenaktion für die, die sowas nicht hatten. Manche hatten organisatorische Probleme. Mit Einwahldaten oder der Koordination zwischen Live-Vorlesungen und aufgezeichneten Veranstaltungen. Auf der anderen Seite haben wir an den Abrufzahlen der Videos gesehen, dass sich wirklich ein ganzes Semester unsere Filme angesehen hat. Bei den Präsenzvorlesungen waren nie alle anwesend. Ich glaube, da war es für viele besonders gut, dass sie sich Arbeiten und Studieren selbstständig einteilen konnten.

Allerdings: der Notendurchschnitt der Abschlussklausur war sehr viel schlechter als in den Vergleichsjahren. Das spricht einerseits für die Präsenzvorlesungen. Andererseits, und das glaube ich noch eher, haben die Studierenden den falschen Eindruck von den Vorlesungen. Also, dass sie den Inhalt nach einmaligem Anhören der Aufzeichnung einfach verstanden haben. Ich denke, dass der selbstständige Erarbeitungsprozess fehlt, wenn alle Materialien online zur Verfügung stehen – trotz interaktiver Elemente scheint das Wissen nicht so hängenzubleiben wie früher.

Ist das ein Indikator für den Einfluss Online-Lehre auf die Wissensvermittlung?

Ja, man kann sagen – gemessen am Notendurchschnitt – war die nicht so gut wie die Jahre davor. Die praktische Prüfung folgt jetzt erst, da weiß ich es noch nicht.

Wie blicken Sie auf das Wintersemester?

Der persönliche Kontakt wird genauso wenig sein wie im Sommer. Das ist eine schlechte Nachricht. Auch für uns Dozierende. Aber wir haben auch gelernt, dass nichts unmöglich ist. Und dass sich das Kreativsein lohnt.

Was bleibt davon nach Corona?

Eine Mischung aus digitalen Materialien und dem direkten Kontakt zu den Studierenden wäre ein wirklich guter Weg. Wir haben da viel gelernt.