Wie ein stummes Publikum, die Augen auf das Parlament gerichtet, stehen die weißen und schwarzen Stühle da.
Foto; Benjamin Pritzkuleit

Berlin1000 leere Stühle standen am Sonntag vor dem Hamburger Rathaus. 100 Stühle vor dem Burgtheater Wien. Auch in Mannheim, Lüneburg, Kassel und etlichen anderen Städten haben antirassistische Initiativen am Wochenende ihre Bundes- und Landesregierungen zur Aufnahme der Geflüchteten aus den griechischen Lagern aufgefordert.

13.000 Stühle standen an diesem Montag deshalb auch auf dem Platz der Republik vor dem Bundestag. Wie ein stummes Publikum, die Augen auf das Parlament gerichtet, in weißen und schwarzen Reihen. Spaziergänger und Touristen schlängeln sich dazwischen durch. Setzen sich kurz. Manche sehen verdutzt aus.

Dabei verweist das Transparent an der Rückwand der kleinen Bühne vor dem Parlamentsgebäude sehr genau darauf, um was es geht: „Wir haben Platz“ steht da in weißen Buchstaben vor blauem Hintergrund. In der Ecke das Wappentier, auf den ersten Blick wirkt es so offiziell, als hätte es der Präsident des Bundestages selbst entworfen.

Initiatoren der Aktion sind allerdings das Bündnis „We’ll Come United“, die Initiative „Seebrücke – schafft sichere Häfen“, der Verein Sea-Watch und die Kampagnenplattform campact.

Die Zahl 13.000 steht einerseits für die Personen, die im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos festsitzen. Das auf weniger als 3000 Menschen ausgelegte Lager ist heillos überlastet, die Versorgung unterirdisch. Zweitens symbolisieren die Stühle den Platz, der für diese Menschen laut Veranstaltern in Deutschland vorhanden sein könnte, wäre nur der politische Wille da.

So sind die Stühle, neben Installation und Protest, auch direkte Aufforderung an Bundes- wie Landesregierungen. Das Bündnis will von den Abgeordneten, dass sie „sich klar positionieren“, sagt Tareq Alaows, Sprecher der Initiative Seebrücke. „Die Bereitschaft in der Zivilgesellschaft ist da“, das sehe man am Engagement der vielen Einzelnen, die etwa die Stühle gespendet hätten. Zudem haben sich laut Seebrücke bereits 174 Städte zu „sicheren Häfen“ und damit grundsätzlich als aufnahmebereit erklärt.

Die Initiativen fordern von den Bundesländern eigene Aufnahmeprogramme. Berlin und Thüringen hatten im Juni signalisiert, 300 und 500 Menschen aus Griechenland aufnehmen zu können. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat dieses Vorhaben abgelehnt. Seebrücken-Sprecher Johannes Gaevert sagt: „Wir erwarten, dass Berlins Innensenator Geisel eine Klage prüft.“

An der Aktion vor dem Bundestag kommen die Abgeordneten an diesem Montag jedenfalls kaum vorbei. Auch die Vizepräsidentin des Hauses, Claudia Roth (Grüne), spaziert durch die Stuhlreihen und bedankt sich bei den Initiativen. Sie sei „bewegt von dem lauten Apell“, so Roth. Auch sie kritisiert den Bundesinnenminister: Sie hoffe, dass die Aktion auch jene an ihre demokratischen Verpflichtungen erinnern werde, die sich bislang verweigern.

Ein „Armutszeugnis“ nannte Alaows die bislang nicht erfolgte Aufnahme der Geflüchteten aus Moria in einem Redebeitrag der Kundgebung, zum letzten Programmpunkt des Tages, gegen 17 Uhr. Die „Europäische Lösung“, auf die sich die Bundespolitiker immer wieder berufen, wenn es darum ginge, auch innereuropäische Verantwortung zu übernehmen, sei reine Ablenkung. Deshalb betonte er noch einmal die Bedeutung der Bundesländer: „Solange der Bund blockiert, müssen die Länder vorangehen.“

Laut Veranstaltenden waren über den Tag verteilt zwischen 500 und 1000 Menschen auf dem Platz dabei, sahen sich die Installation an und hörten den Rednern zu. So sprach etwa Hanno Bruchmann vom Rettungsschiff „Mare Liberum“. Er berichtete von dem  in der vergangenen Woche ausgebrochenen Corona-Virus im Lager Moria. Es sei es nur eine Frage der Zeit, bis Moria zur „Todesfalle“ werde. Inzwischen seien mehr als zehn Infizierungen bekannt. Hinter dem staatlichen Blockieren ziviler Seenotrettung in der Ägäis vermutet Bruchmann Rassismus: Menschen ohne deutsche Pässe seien der Rettung anscheinend nicht würdig, so seine Meinung.

Unter den Hashtags #dreizehntausend, #WirHabenPlatz und #leavenoonebehind verbreiteten Abgeordnete, Besucher und gleichgesinnte Initiativen und Organisationen die Bilder des bestuhlten Platzes in den digitalen Netzwerken.

Die weißen Aktionsstühle vor dem Reichstag.
Foto: Imago Images