Der buddhistische Gelehrte und Autor Sogyal Rinpoche ist berühmt für sein „Tibetisches Buch vom Leben und vom Sterben“. Er lehrt, dass Menschen mit Mitgefühl, Fürsorge  und Liebe auch die  schlimmsten Phasen des Lebens bewältigen können:  Trauer, Krankheit, Krisen und sogar den nahenden Tod.

Am Mittwochmorgen steht Rinpoche im Mönchsgewand in einem weißen, ungewöhnlichen Gebäudekomplex, direkt am Scharmützelsee. Es ist Europas erstes buddhistisches Zentrum für spirituelle Fürsorge, in  dem Menschen in allen  Lebens- und Leidensphasen hilfreich begleitet werden. Eine spirituellen Gemeinschaft von Pflegern, Ärzten und  Therapeuten kümmert sich um sie.

Sukhavati heißt das ungewöhnliche Wohnprojekt,  man kann es übersetzen  mit: ein Ort der Zufriedenheit, des Glücks und des Wohlbefindens. Sogyal Rinpoche sagt: „Das ist ein einzigartiges und bahnbrechendes Zentrum. 

Acht Jahre ist es jetzt her, dass die Idee für dieses Modellprojekt  entstand, erzählt Heinz Siepmann, Vorstandsvorsitzender der Tertön Sogyal Stiftung, der das  Gebäude  gehört. Mehrere anonyme Großspender, die ihre Nächsten durch schwere Krankheiten verloren hatten und  dabei erleben mussten, dass der letzte Weg des Lebens nicht immer würdevoll verläuft, haben das neun Millionen Euro  teure Wohnprojekt zum Großteil finanziert, den Rest gab eine Bank als Kredit.

Vor zwei Jahren kaufte die Stiftung das 8000 Quadratmeter große Seegrundstück im Landschaftsschutzgebiet. Früher gehörte es der Nationalen Volksarmee (NVA).  Der Berliner Architekt Karl Hufnagel gewann den Wettbewerb der Bauherren,  Hufnagel  hatte in den 90er Jahren auch schon das benachbarte Thermalbad in Bad Saarow gebaut. Passanten können von der Straße durch einen als überdimensionales Fenster gestalteten Eingangsbereich bis auf den Scharmützelsee schauen, alle Räume hin dem Gebäude haben große Fenster. 

Die buddhistischen Bewohner des Zentrums wollen diese Bauform als „einladende Geste“ verstehen, die Toleranz symbolisiere. Denn das Wohnprojekt richtet sich an alle Menschen, unabhängig von Weltanschauung oder Glaubensrichtung. Zum Projekt gehören 28 Wohnungen, in denen  die Mitglieder der Sukhavati-Gemeinschaft nach  den Regeln des tibetischen Buddhismus leben. Für Meditationen und Ruhephasen gibt es Andachts- und Gebetsräume. Acht Wohnungen sind für dauerhaft Pflegebedürftige und Menschen am Ende ihres Lebens vorgesehen, sie können von ihren Zimmern  direkt auf den See schauen und werden von ausgebildetem Pflegepersonal betreut. Die Abrechnung erfolgt über die Kranken- und Pflegekassen. Die ersten Bewohner sind schon eingezogen.

In acht weiteren Wohnungen können Menschen für kurze Zeit wohnen, wenn sie eine Auszeit brauchen, etwa nach einem Burn Out, schwerer Krankheit, Trennung oder dem Tod von ihnen nahestehenden Menschen. „Krisen gehören zum Leben. Wie sie entstehen, wissen wir alle“, sagte die  Brandenburger Landtagspräsidentin Britta Stark zur Eröffnung am Mittwoch.  Das Sukhavati-Zentrum sei für den traditionellen Gesundheitsstandort Bad Saarow ein Gewinn. „Orte der Stille und Einkehr sind wichtig in unserer aufgeregten Zeit. Hier können wir erfahren, wie Buddhisten mit Leben und Tod umgehen. Hier ist Raum für die Frage, was am Ende bleibt.“

Das Spiritual Care Centers wird  sich neben der Betreuung von  Menschen auch um Weiterbildungen und berufliche Fortbildungen kümmern. Das Angebot der Sukhavati-Akademie an Kursen für Achtsamkeit, Meditation und Mitgefühl richtet sich an Notfallmediziner, Sozialarbeiter, Seelsorger  und Mitarbeiter in der  Kranken- und Palliativmedizin.

Gestresste Besucher auf Zeit,  Sterbenskranke am Lebensende  und motivierte Kursteilnehmer werden im Zentrum ihre Zeit gemeinsam verbringen, in friedvoller Atmosphäre und heilsamer Atmosphäre, versprechen die Bewohner. Es herrsche das Solidarprinzip.

Sogyal Rinpoche sagte am Mittwoch, im  buddhistische Zentrum werde die Idee seines Buches in die Praxis umgesetzt. Sukhavati könne die Menschen  zu einer stillen Revolution inspirieren, in dem die  Fürsorge für Sterbende auch den Umgang der Lebenden ändere.   Dann segnete der Mönch eine große Buddha-Statue,  warf  Blüten auf sie und auf die Gäste in der ersten Reihe. Und alle lachten.