Berlin - Fünf Straßen münden auf den Meyerinckplatz. Die kleine gepflasterte Fläche, die nach dem Schauspieler Hugo von Meyerinck (1896–1971) benannt wurde, wird von groß gewachsenen Platanen gesäumt. Bänke stehen dort und die kolossale Stahlskulptur Ikarus von Georg Seibert, die so gar nicht zum Ort zu passen scheint. Prächtige Charlottenburger Gründerzeithäuser säumen den Platz. In den Erdgeschossen gibt es Gaststätten und kleine Läden, ein Antiquariat beispielsweise, eine Schneiderei, ein Schmuckatelier. Und ab diesem Donnerstag auch einen knapp 500 Quadratmeter großen Bio-Supermarkt der Firma Alnatura, der neunte des Unternehmens in Berlin, der 77. deutschlandweit.

Krach und fehlende Parkplätze

Doch die Bewohner des gutbürgerlichen Quartiers freuen sich keineswegs über das Angebot. Im Gegenteil, seit Monaten gibt es Streit darüber. Nicht nur, weil 300 Meter weiter schon eine Filiale der Bio-Company existiert und etwa 700 Meter entfernt, in den Wilmersdorfer Arcaden, ein anderer Alnatura-Markt. Der Bio-Markt am Meyerinckplatz zieht in die Räume des früheren Kino Kurbel, Giesebrechtstraße 4. Das musste nach mehr als 75 Jahren Ende 2011 aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Dagegen hatten die Anwohner vergebens gekämpft. Der Initiative „Rettet die Kurbel“ hatten sich auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick sowie die Regisseure Wim Wenders und Rosa von Praunheim angeschlossen.

Die Initiative hat inzwischen einen Verein gegründet und sich umbenannt in „Bürger für das Quartier Meyerinckplatz“. Diese kämpfen jetzt nicht mehr für ein Kino, sondern gegen den Bio-Supermarkt, der ihrer Ansicht nach schon durch seine schiere Größe so gar nicht in das Gebiet passt. Zwei, drei kleine Läden, wie es sie in den umliegenden Straßen häufiger gibt, vielleicht eine nette Boutique darunter, hätten sie lieber dort gesehen. Etwa 70 Mitglieder hat der Verein, Chefin ist die Schauspielerin Beate Jensen („Die Liebenden des Polarkreises“).

„Wir sind fast alle Kurbel-Leute“, sagt sie. Viele Prominente sind darunter, Kunstmäzen Peter Raue zum Beispiel; der frühere Kultur-Staatsminister Michael Naumann, Publizist und SPD-Politiker, beklagte in einem Zeitungsbeitrag unter dem Titel „Eine kleine Ortszerstörung“ den absehbaren „Ruin einer Stadtidylle“. Gefürchtet wird vor allem der Liefer- und Käuferverkehr – Krach und Lärm in einer Gegend, in der Parkplätze schon jetzt überaus rar sind. Der Bio-Markt hat keine eigenen Stellflächen, auch für die Anlieferung muss Alnatura öffentliches Straßenland nutzen.

Alnatura will sich nicht äußern

Die Widerständler haben gegen das Geschäft geklagt und sind bisher zweimal unterlegen. „In der Hauptsache ist aber noch keine Entscheidung erfolgt“, sagt Beate Jensen. Sie hofft, dass das Urteil der Richter dann anders ausfällt. Denn als Alnatura die Betriebserlaubnis beim Bezirksamt beantragt hatte, sprach das Unternehmen noch von sechs bis acht Lieferungen mit Lkw und Kleintransportern pro Woche für die Anlieferung.

So war es auch dem Gericht bekannt. Doch Alnatura hat längst eine Ergänzung nachgereicht, plötzlich sollten es 34 Anlieferung pro Woche sein. Der Bezirk will nun 17-19 Fuhren wöchentlich gestatten, mit Lkw und Transportern. „Wir werden kontrollieren, ob die Maximalzahl eingehalten wird“, sagt Stadtentwicklungs-Stadtrat Marc Schulte (SPD).

Er sagt, dass ein Supermarkt in einer „Innenstadtlage nichts Besonderes“ sei. Deshalb habe man auch die Umnutzung des Kinos nicht versagen können. Es sei ein ganz normales Verfahren gelaufen. Er habe nach geltender Rechtslage nicht anders entscheiden können. Auch wenn ihm der Erhalt der „Kurbel“ lieber gewesen wäre, sagt Schulte. Beate Jensen dagegen ist enttäuscht vom Handeln der Behörden. Sie sagt: „Wir wurden nie angehört.“ Und: „Das zerstört die Gegend auf Jahrzehnte.“ Gegen Schulte hat der Verein inzwischen Dienstaufsichts-Beschwerde eingereicht.

Die Firma Alnatura wolle sich zum Thema nicht äußern, sagt Sprecherin Stefanie Neumann. Nur so viel: „Wir sind überzeugt, dass Berlin und auch Charlottenburg weitere Bio-Märkte verträgt.“ Das Unternehmen verweist darauf, dass in der Giesebrechtstraße auch 16 neue Arbeitsplätze entstehen.