Berlin - Am 22. März 2020 parkt ein Sattelzug mit weißrussischem Kennzeichen vor dem Eingang zur Müllerstraße 127 in Wedding. 28 Europaletten Klopapier, 3,50 Meter hochgestapelt, befinden sich im Inneren des Lkw. Einen Gabelstapler hat der Fahrer nicht dabei. Er spricht auch kein Wort Deutsch. Die Mitarbeiter der Edeka-Filiale Fromm laden jede Palette einzeln per Hand ab.

Es ist der Moment, in dem Fabio Hilker begreift, dass die Pandemie nun richtig losgeht. Er fragt sich an diesem Tag, was da wohl auf seine Mitarbeiter und ihn zukommen wird. „Dass wir über Ländergrenzen hinweg einkaufen müssen, um den Bedarf in einer Großstadt zu decken, hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt er rückblickend.

Fabio Hilker, 26, in Spandau geboren, arbeitet seit seiner Schulzeit bei Edeka. Als Aushilfe hat er begonnen, seinen Master-Studiengang Business Administration mit Personalschwerpunkt hat er dann 2019 beendet. Seitdem leitet er die Filiale in Wedding. Der dunkelblonde junge Mann trägt beige Stoffhose und ein akkurat sitzendes, weißes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Sein ganzes Berufsleben hat Hilker bisher im Lebensmitteleinzelhandel verbracht.

Corona-Jahr 2020

Keines seiner Arbeitsjahre war dabei so herausfordernd und verrückt wie 2020, erzählt er. „Was ich seit einem Jahr erlebe, reicht im Berufsleben normalerweise für mehrere Jahre.“ Kein Mehl, kein Zucker, keine Backwaren – all das hat es in den vergangenen Monaten gegeben. „Dass die Kunden die Regale leer geräumt haben, hat uns sprachlos gemacht“, sagt Hilker.

Angesichts der Hamsterkäufe zu Beginn der Pandemie musste er improvisieren. Bei einem Großhändler, der ansonsten Bäckereien beliefert, kaufte beispielsweise Hilker Mehl und Zucker. Nachts versucht er, Seifen und Desinfektionsmittel zu ordern, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Die Tage wiederum glichen einer Lotterie. Was würde geliefert werden? Und wann? „Mal kam die Ware um 8 Uhr, mal um 16 Uhr“, erinnert sich Hilker. Der Fuhrpark der Lebensmittellogistikunternehmen sei mit den Bestellmengen völlig überlastet gewesen.

Ganz nebenbei war es Hilkers Aufgabe, sein Team zu führen und zu motivieren. Am Standort in der Müllerstraße arbeiten 40 Mitarbeiter. Der jüngste sei 16, der älteste 66, erzählt Hilker. Wie hält man die Mannschaft in ungewissen Zeiten zusammen? Björn Fromm, Geschäftsführer von Edeka Fromm, hat allen Mitarbeitern eine Corona-Prämie gezahlt. Als Dank. „Unsere Mitarbeiter haben jeden Tag alles gegeben“, sagt er. Motivieren sollte zusätzlich ein individueller Brief, den jedes Teammitglied nach Hause geschickt bekam. „Wir wollten jeden Kollegen und jede Kollegin persönlich wertschätzen.“

Corona und das Meckern an der Kasse

Eine dieser Kolleginnen ist Martina van Stegen. Die 55-Jährige arbeitet seit 40 Jahren im Einzelhandel und sitzt fast ausschließlich an der Kasse. „Das letzte Jahr war eine Katastrophe“, erzählt sie. Besonders nah gehen ihr immer noch die vielen Diskussionen mit Kunden, die ihre Maske nicht richtig tragen. „Wir müssen die Leute belehren. Das kommt aber oft nicht gut an. Meistens wird man angemeckert.“

Hilker kennt das Problem. Er grübelt oft darüber nach. „Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir unseren Mitarbeitern zumuten können, dass wir sie zum Lehrer der Gesellschaft machen“, sagt er. Natürlich setze man die Hygieneregeln strikt durch und halte sich an alle Vorgaben. Lebensmittelhygiene stehe in Supermärkten ohnehin im Fokus. Die Mitarbeiter aber dafür zu sensibilisieren, auch den 600. Kunden am Tag darauf hinzuweisen, dass er seine Maske falsch trägt, das sei nicht einfach. „Wir sind diejenigen, die das Infektionsschutzgesetz auf die unterste Ebene runterbrechen.“

Die Serie
Mehr als ein Jahr Pandemie 

 – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Martina van Stegen hat auch Lob und Dank bekommen. Gemalte Bilder von Kindern, Schokolade und liebe Worte. Sie weiß es zu schätzen. Es sei mitunter anstrengend gewesen. „Vor Corona hat der Beruf des Lebensmitteleinzelhändlers nie jemanden interessiert. Und plötzlich sind wir hier die kleinen Helden“, sagt van Stegen. Diese Situation sei ihr fremd. „Das Einzige, was ich möchte, ist, normal behandelt zu werden.“

Ihr Chef Fabio Hilker sagt, dass das Interesse an den Mitarbeitern der Branche, die in der Pandemie so viele Bürger und Bürgerinnen zu versorgen hatte, anfangs groß gewesen sei. Der Stellenwert der Lebensmittelbranche habe sich insgesamt aber nicht sonderlich verändert. „Es merken immer noch zu wenige Menschen, dass ihre Versorgung am Menschen hängt und nicht an den Maschinen.“

Der Supermarktleiter beschreibt sein Jahr als „Gefühlschaos vom Feinsten“. Von der Freude darüber, dass die Pandemie im Sommer wieder beherrschbar schien und im Betrieb keine positiven Corona-Fälle auftraten bis hin zu Abenden, an denen er nach Hause kam und gar nicht mehr sprechen wollte.

Besonders in der Weihnachtszeit sei das oft der Fall gewesen. Nicht nur bei ihm, auch bei seinem Team. „Man hat gemerkt, dass die Mitarbeiter erschöpft waren.“ Keine Weihnachtsmärkte, kein Beisammensein mit der Familie, keine Silvesterfeier. Und doch hätten sie den Kunden vermitteln wollen: Es ist alles in Ordnung. „Wir haben jeden Tag ganz genau hingeschaut, wie es jedem einzelnen Mitarbeiter geht.“

Die Zukunft des Lebensmitteleinzelhandels stimmt nachdenklich

Supermärkte gelten als wirtschaftliche Gewinner der Pandemie. Wie geht es weiter mit dem Lebensmitteleinzelhandel? Fabio Hilker macht sich durchaus Sorgen. „Politisch sieht es tendenziell so aus, dass wir irgendwann noch längere Öffnungszeiten bekommen und auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet haben werden“, sagt er.

Besonders in Großstädten hätten viele Supermärkte bis 24 Uhr geöffnet, und das an sechs Tagen in der Woche. Freizeit? Fehlanzeige. „Mein Beruf endet nicht“, sagt Hilker. Dabei sei die Lebensmittelbranche durchaus attraktiv, weil sich der Handel verändere, auf neue Konzepte wie unverpackte Lebensmittel setze. Die politisch anvisierten Öffnungszeiten machten Jobs in der Branche für die, die in den Geschäften arbeiten, nicht attraktiv. Wenn Corona vorbei ist, so scheint es, beginnen die Diskussionen im Lebensmittelhandel.