Survival-Training auf dem Teufelsberg: Wie Berliner nach einer Katastrophe überleben können

Berlin - Der Strom ist ausgefallen, es gibt einen Chemieunfall, eine Unwetterkatastrophe, eine politische Krise mit Inflation und Versorgungsengpässen. Längst bilden solche Szenarien nicht mehr nur den Erzählstoff für Katastrophenfilme. Sogar eine Bundesbehörde kümmert sich darum und hat einen Notfallplan erstellt. „Wir beschäftigen uns mit realistischen Szenarien, die Katastrophen auslösen können“, sagt Marianne Suntrup, Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Und wir begrüßen es, wenn sich Menschen auf Notfälle vorbereiten, um die Zeit überbrücken zu können, in der die staatliche Hilfe ankommt.“

Wenn ein solcher Ernstfall irgendwann einmal eintritt, ist Ronny Horning derjenige, der wohl am besten damit umgehen kann. Der 31-Jährige hat einen Notrucksack gepackt, die wichtigsten Dokumente, ein Multifunktionsmesser, Strick und Verbandszeug, Karte und Kompass. Er weiß, wie man im Notfall ein sicheres Versteck baut und Wasser findet, wenn keines mehr aus der Leitung kommt. Er kann Feuer ohne Anzünder entfachen und sich an einem zusammengebundenen Laken abseilen. Immer könne etwas Unplanmäßiges passieren, sagt Ronny Horning. „Darüber muss man sich Gedanken machen.“

Kaputte Autos und Gerümpel

Horning macht sich nicht nur Gedanken, er beherrscht auch die Praxis: Urban Survival – Überlebenskurse in der Stadt heißt sein 24-Stunden-Programm, das er für 199 Euro erstmals an Wochenenden im April und im Mai auf dem Teufelsberg anbietet. Auf dem Gelände der früheren Abhörstation hat Horning dafür beste Bedingungen gefunden: verlassene Gebäude, kaputte Autos und Gerümpel. Eine Kulisse wie nach einer Schlacht. Apokalypse now.

Für den Ernstfall ist der Sportwissenschaftler aus Reinickendorf gut gewappnet. Er hat sich zum Höhenkletterer ausbilden lassen, arbeitet als Kriseninterventionshelfer und Erlebnispädagoge, er beherrscht die Wasserrettung vom Hubschrauber aus ebenso wie Bungee Jumping. Horning hat Stunt-Lehrgänge besucht, er organisiert auch Überlebenskurse in Wäldern. Meist sind es feste Gruppen, etwa Kollegen einer Firma, mit denen er ein Leben ohne Strom und dem gewohnten Komfort übt. Das sei zwar naturnah und auch romantisch, sagt er, es entspräche aber längst nicht mehr der Realität. „Sollte es heutzutage zu Krisensituationen kommen, werden diese mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in einem Wald ohne Zivilisation sein. Es geht ums Überleben in der Stadt.“

Drei-Punkt-Regel ist überlebenswichtig

Und mit der Vorbereitung darauf lässt sich heute auch Geld verdienen. Und so wird Horning seinen Kursteilnehmern auf dem Teufelsberg beibringen, wie sie sich als Team ein Notquartier einrichten und es notfalls auch verteidigen, wie sie Feuer anzünden und Nahrung suchen. „Die Frage ist immer, was muss zuerst erledigt werden“, sagt er. Dabei gilt die Drei-Punkt-Regel. Das sind drei überlebenswichtige Zeiteinheiten. Der Mensch braucht drei Sekunden, um seinen Überlebenswillen zu aktivieren, er kann bis zu drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen, bis zu drei Stunden ohne Wärme, drei Tage ohne Wasser, drei Wochen ohne Nahrung.

Auf dem Teufelsberg wird Horning mit der Gruppe erst einmal die Gegend erkunden, den Bestand an Handys, Werkzeug und Nahrung sichten und einen Lagerplatz in einem Gebäude suchen. Möglichst klein sollte der Platz im Winter sein, um die Körperwärme zu nutzen. Ein Feuer lässt sich mit alten Autobatterien und Benzin entfachen, Birkenrinde brennt sehr gut wegen der ätherischen Öle. Auf keinen Fall Schnee essen, rät Horning, die kalte Masse verbrauche zu viel Energie im Körper. Besser sei es, den Schnee in der Sonne schmelzen zu lassen, oder das Kondensat grüner Blätter in einer Folie aufzufangen.

Zum Kurs gehört auch, ein hell oder dunkel leuchtendes Signalfeuer zu entzünden, aus Konservendosen einen Kocher zu bauen, sich an ein zusammengebundenen Laken abzuseilen. Auch ein Erste-Hilfe-Kurs ist dabei, dann werden Schusswunden und Messerstiche versorgt. Die Teilnehmer übernachten im Schlafsack, als Unterlage dienen Sträucher und Reisig. Zu essen gibt es Kekse, Eintopf mit Kartoffeln und gekochtes Fleisch. Im Notfall müsste man Tiere jagen und angeln gehen, sagt Horning. Fleisch oder vegetarisch – über all das muss das Team sprechen, sagt Horning. Es gehe um Gruppendynamik, realistische Krisen und und um Prepping.

Vorräte anlegen

So heißt eine weltweite Bewegung, die vor einigen Jahren in den USA entstand. Prepper ist abgeleitet vom englischen „to be prepared“, also vorbereitet sein. Prepper legen sich geheime Vorräte an: Konserven und Trinkwasser, auch Zelte, Werkzeug und Waffen. Im Ernstfall, hoffen Prepper, würden sie mehrere Monate lang überleben. Auch Ronny Horning kennt die Strategien der Prepper. „Früher wurden sie belächelt, heute beschäftigen sich immer mehr Menschen damit.“

Es sind meist Männer, einige verbreiten Verschwörungs- und Weltuntergangsfantasien. Sie schüren Ängste, überall lauere Gefahr. Die Prepper Gemeinschaft Deutschlands distanziert sich von Leuten, „die gegen Staat und Gesellschaft aufhetzen“, steht auf der Internetseite. „Eine Gesellschaft kann nur mit allen Menschen, egal welcher Herkunft, stark sein und jede Krisensituation nur gemeinsam meistern.“

Auch Ronny Horning orientiert sich lieber an Fakten. Und er möchte, dass die Kursteilnehmer immer gemeinsam entscheiden, was als nächstes zu tun ist. „Eine Gruppe hat immer größere Überlebenschancen als ein Einzelner!“

Radarstation auf dem Teufelsberg,Teufelsseechaussee 10, historische Führung: Freitag 14 Uhr, Sa und So 13 Uhr, stille Begehung: Mo–So ab 10 Uhr stündlich, weitere Infos und Preise unter neue.teufelsberg-berlin.eu.