Berlin - Im Vorüberradeln stutzte ich. Was ist das da hinter dem Bauzaun am Weg vom  Hardenbergplatz zum Tiergarten, zwischen Bahntrasse und Zoologischem Garten? Das fragte ich mich im Frühjahr. Farbige Pflastersteine erblickte ich, das Foto einer Frau mit dunklen Locken. Ich wusste sofort, das ist Susanne Fontaine. Die sechzigjährige Kunsthistorikerin wurde hier in Charlottenburg am 5. September vor vier Jahren ermordet. Es ging mir nahe, aber ich stoppte nicht. Die Saison der Stadtstreifzüge hatte wieder begonnen und ich strebte weiter einem meiner Lieblingsorte zu, dem Café im Grünen. 

In den Wochen darauf tauchte in Gesprächen mit Freunden überraschend mehrfach der neue Gedenkort auf. Wir alle hatten das Entstehen bemerkt, kennen die schreckliche Tat: Abends spät war Susanne Fontaine auf dem Weg zum Bus. Der Täter griff sie an, schleppte sie ins Gebüsch, einige Minuten lang dauerte die Ermordung. Die Leiche fand man erst nach Tagen des Suchens. 

Der Ort ließ mir keine Ruhe, schließlich fragte ich bei der Pressestelle des Bezirks Mitte an, bekam diese Antwort: „Nach dem gewaltsamen Tod von Frau Fontaine ist ihr Ehemann an den Bezirk mit der Bitte herangetreten, ihr an diesem Ort zu gedenken. Zur Gestaltung wurde ein kleiner Wettbewerb zwischen den bezirklichen Ausbildungsrevieren veranstaltet und der beste Entwurf in Abstimmung mit dem Ehemann umgesetzt. Nach Fertigstellung und Einwachsen der Anpflanzungen wird der Bauzaun in diesem Jahr abgebaut. Es handelt sich um einen Einzelfall analog eines Tötungsdeliktes am Alexanderplatz. Zu beachten sind die dramatischen Umstände der Ermordung des Opfers – der Täter hätte bereits abgeschoben werden müssen, die problematische Situation mit nicht optimal gepflegten Grünanlagen (durch den starken Bewuchs konnte die Tat unbemerkt geschehen und das Opfer wurde erst spät gefunden) und die unsensible Informationspolitik der Ermittlungsbehörden gegenüber dem Ehemann sowie die unmittelbare Nähe der Polizeistation, die die Tat nicht verhindern konnte – die den Vorwurf des Staatsversagens durch den hinterbliebenen Ehemann nachvollziehbar erscheinen lassen.“

Neulich war ich wieder da, stand lange davor. Die Gebüsche um den abgesperrten Ort sind weiterhin verwildert, ein Mann erleichterte sich unbekümmert daran. Niemand blieb stehen und schaute nach Susanne Fontaine. Ich hoffe, dass sich das nach Abbau des Zauns ändert.