Berlin - Eine illustre Gesellschaft hat sich da in der Neuköllner Herrfurthstraße versammelt. Typen wie aus der Muppet Show. Oder wie aus dem Fernsehen. Auch solche aus dem Showbiz, von der Straße, aus der Kneipe. Und etliche scheinen aus dem hauptstädtischen Politzirkus zu stammen.

Susanne Schirdewahn hat die beiden Ausstellungsräume der Galeristin Helfrich gefüllt mit gemalten, gezeichneten Bildern – und mit grotesken, absurden, lustigen, saukomischen Wesen aus raffiniert gebautem, gebasteltem, collagiertem Alltagskram: geklebt, gewickelt, geknotet, geschnürt.

Entstanden sind Köpfe – Monster, die einen erst zum Lachen und Staunen, dann zum Nachdenken bringen – über das Fabel-Hafte dieser Chimären, dieser Tier-Mensch-Köpfe, die sich als Charaktere unserer Zeit entpuppen: extro- und introvertierte Gesellen, echauffiert oder melancholisch, optimistisch oder frustriert, burschikos oder kapriziös puppenhaft.

Apropos Puppe. Eine solche begrüßt den Eintretenden zur Rechten. Die Künstlerin taufte sie „Fleischpuppe“, denn sie hat die nackte Schöne aus zusammengewursteltem Einwickelpapier einer Fleischerei gebastelt, die Stöckelschuhe am linken Fuß mit güldenen Seilen und den rechten mit einer schimmernden Forke versehen.

Am Venushügel klebt ein Fotoporträt der berüchtigten Künstlermuse Alma Mahler – und die ganze, mit einem Netz zusammengehaltene Puppe wird zum Totem des herzbrechenden, zugleich einen Schaffens-Schub auslösenden Liebesleids, in das Alma dereinst den Maler Kokoschka stürzte, der eine lebensgroße Puppe seiner Ex-Geliebten fertigte.

Schirdewahn, 42, kennt sich aus in den Höhen und Tiefen der Kunstgeschichte. Die Malerin und Objektkünstlerin, die eigentlich vom Theater kommt, – gebürtige Berlinerin, aufgewachsen in München, seit Jahren wieder freischaffend in Berlin und bekannt als Autorin des Romans „Schlafende Hunde“ – ist außerdem „Unterm-Strich“-Autorin der Berliner Zeitung.

Unter der Rubrik „Sitzung“ zeichnete und interviewte sie Kulturschaffende der Berliner Republik. Und noch unlängst hat sie mit solchen Promis auch intensiv „gebastelt“. Jetzt nun kommt ihre eigene „Bastel“-Obsession an Galeriewänden zum Zuge, Titel: „Maus auf Mars“ oder Wer fliegt mit? Armstrongs Tod letztes Jahr habe diese Aktion ausgelöst, gesteht sie. „Der Mond-Astronaut als Legende und ich als Künstlerin eine Außerirdische? Aus der Konstellation musste ich was machen!“

Das Panoptikum tritt auf: Mäuse über Mäuse. Die Biggi-Maus trägt Diven-Tüll und eine blaue Nerd-Brille, die Mars-Maus hat Ohren aus Trauerkranz-Gestellen und einen schwarzen Globus mit Sowjetstern als Nase. Die rote Zottelmähne eines Löwen fand die Künstlerin im Mauerpark, samt rostiger Fahrradkette. Die hängt ihm jetzt aus dem Maul.

Die „Rabaukenrache“ besteht aus einem explosiven Wesen, dessen Bestandteile von der letzten Silvesterparty stammen, einschließlich der aus einer Taschenlampe bestehenden Nase – selbstredend Halogen, schließlich ist man auf der Höhe der Zeit!

„Partyhengst“, „Dadabär“ und „Dadahase“ verraten durch Name und ihre Formbestandteile, wohin der Witz läuft: Schirdewahn ist eine echte Berliner Neo-Dadaistin, sie nimmt aus ihrer Umwelt alles auf wie ein Schwamm, sucht und findet gezielt unter banalen Alltagsdingen, was sich verballhornen und mit neuer Bedeutung aufladen lässt. Und: Sie liest Zeitung, lässt sich inspirieren von dem, was nah und fern passiert. Zu dem multimedialen Superthema unserer Tage hat sie einen Yeti auf eine Kachel gemalt. Der Schneemensch trägt auf seinem iPhone die Zeitungs-App in seine Höhle.

„Das bin ich“, kommentiert sie selbstironisch, „ich komme gleich aus der Höhle und kaufe mir dann noch eine richtige Zeitung, eine, die raschelt und nach Druckfarbe riecht.“ Bisweilen wirken die Köpfe, ebenso die farbigen oder schwarz-weißen Bildszenen, in denen sie Tag- und Alpträume verwurstet, wie Puppenspiele.

Oder als seien ihre Wesen den Fabeln Äsops, Lessings, La Fontaines entstiegen. Schirdewahn gibt ihre „Kopfgeburten“ frei für unser ganz persönliches Kopfkino, sie bringt in Form, was der Alltag im Zeitraffer so über uns ergießt. Sie bringt uns zum Lachen – und zum Nachdenken. Das Beste, was Kunst vermag.

Galerie Michaela Helfrich, Herrfurthstraße 29. Eröffnung am Sonnabend (26.1.) um 20 Uhr, Ausstellung bis 23. Februar, Di–Fr 16–20/Sa 14– 20 Uhr.