Hallo, Nachbarn! Der Gruß wirkt. Sie kommen, um sich ihre Nachbarn anzugucken. Und sie alle, die da als Fototapete von der Betonwand oder als Rollbilder von der Decke des Rohbaus in Reinickendorf herabschauen, sind Stellvertreter: Frauen, Männer, Kinder, die Jungen und die Alten. Sie stehen für die 50.000 Bewohner des Märkischen Viertels, zumeist in den Wohnungen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau, die berlinweit 100.000 Mieter hat.

Sven Marquardt
Florence, YouTuberin, mit ihren Töchtern

Sven Marquardt, Fotokünstler und im zweiten Leben Türsteher-Legende des Friedrichshainer Clubs Berghain, hat sich auf das Abenteuer eingelassen. Die Gesobau-Leute wollten ihn, den Typ mit den martialischen Gesichtstattoos, als Porträtisten. Denn er, der aussieht wie Zerberus, macht nahbare, sensible Menschenbilder. Weil er sich für Menschen interessiert, weil er Menschen mag, weil er ihnen ganz nah kommen will mit der Kamera, ohne sie vorzuführen. Hautnah, doch ohne Vivisektion.

„Nah“ nennt er denn auch seine Fotoserie, ausgestellt in der einstigen Verwaltungszentrale der Gesobau, gerade im Umbau zu betreuten Seniorenwohnungen oben und Gewerbe unten. Der foyerartige Bereich der Baustelle ist genau der Ort, den Marquardt braucht: Ruppiges Ambiente, der Roh-Putz nimmt den Fotos die restliche Glätte, Kleisterspuren wirken wie Firnis. Marquardt rahmt seine Bilder nie, druckt sie auf Papier oder PVC-Planen, im analogen Verfahren, schwarz-weiß und dazwischen ab und an in Farbe. Das gibt der großen Bilderzählung einen eigenwilligen Rhythmus.

Sven Marquardt
Cem und Murat, Sozialarbeiter und Einwohner im Märkischen Viertel

Er hat sich seine „Modelle“ aus dem Alltag des Märkischen Viertels ausgesucht, zunächst nur beobachtet. Leute quer durch Generationen, Ethnien, soziale Schichten, diversen Lebensarten angesprochen. Die Wohnungsbaugesellschaft hatte einen Aufruf gestartet: „Wer lässt sich für unsere Aktion porträtieren?“ Bewohner meldeten sich, der Fotograf traf sie, mehrmals.

„In ihre Wohnungen wollte ich nicht rein“, sagt Marquardt, das wäre ihm zu aufdringlich gewesen. Er mag „Straßen-Castings“, die waren locker und oft lustig, die Porträtierten gaben sich freier. Posiert und rumgeschminkt haben nur die Girlis. Er hat sie gelassen; es hat ihn amüsiert. Wie fotografiert man das Wesen von Menschen? „Dazu gehören“, sagt er, „zwei Seiten. Es braucht die Bereitschaft, sich auf den Moment einzulassen. Obwohl ich ja inszeniere, muss es ungezwungen sein, sonst wird es steife Pose. Im besten Falle schafft man es zusammen. Es klappt nur nicht mit jedem. Wenn Vertrauen da ist, wird’s gut.“

Sven Marquardt
Amaria und Hicham betreiben ein Restaurant im Märkischen Viertel.

Das Projekt war erhellend. „Ich kannte das Viertel ja überhaupt noch nicht“, so Marquardt, der seit seiner Geburt 1962 in Prenzlauer Berg lebt. Er wusste, dass der nach der Mark Brandenburg benannte Kiez die erste Neubau-Großsiedlung im alten West-Berlin war, 1960er-, 70er-Jahre, mit allen Höhen und Tiefen, Vorurteilen und sozialen Problemen, die fast alle Hochhaus-Satellitenstädte haben.

Marquardts Modelle leben gern im Märkischen Viertel

Er sei überrascht gewesen, sagt er. Nicht nur von der friedfertigen, selbstverständlichen sozialen und ethnischen Durchmischung, zugleich von der ebenso selbstverständlichen Bürgerlichkeit, sich mit Stolz als Teil dieses Wohnviertels, ein hartes Pflaster, zu empfinden. Heute sind die Wohnungen modernisiert, die Infrastruktur ist es auch.

Seine Modelle, sagt Marquardt, hätten ihm versichert, gern im Viertel zu leben. Er spürte sogar das, wofür so ein großes Wort steht: Identifikation mit dem, was man so leichthin „mein Zuhause“ nennt. Den Fotografen hat das Selbstbewusstsein seiner Modelle beeindruckt. Die schöne schwarze Florence Imadi, eine Youtuberin mit ihren vier Töchtern. Die kamen zum Fototermin mit einem Koffer voller schönster Kleider und Haarschmuck. Fast eine eigene Show.

Die meisten haben, nachdem sie vertrauter waren, von sich erzählt: Roswitha mit dem herben Gesicht und im Micky-Maus-Shirt, Verkäuferin im Bäckerladen im Märkischen Zentrum. Alexander, der Feuerwehrmann, Helene, die Managerin, Okkar, der asiatische Student in Badelatschen und Wintermantel. Der amtlich ernst blickende Habes, der in diesem Zentrum beim Sicherheitsdienst arbeitet. Helga, Susanne, Peter – Künstler, die im Kiez wohnen und in den Weddinger Gerichtshöfen ihre Ateliers haben. Der sportliche Schüler Markus, der fast nie ohne seine Skateboard aus dem Haus geht. Halid, der Hobby-Boxer, und Mamad, der Boxtrainer, ein großer schwarzer Mann. Und Baris, der mit den träumerischen schwarzen Augen. Oder Chiara, Henri und Nicolas aus der Studenten-WG, junge Leute, die selbstbewusst und neugierig in die Welt blicken.

Sven Marquardt
Mamad „Max“, der Boxtrainer im Märkischen Viertel

Francis hat ihre Scheu abgelegt vor Marquardts Kamera. Nicht aber ihren Nikab. Jeder kann zumindest ihre schönen Augen sehen und wie selbstbewusst sie als Muslima im Märkischen Viertel lebt. Rentnerin Hannelore trägt einen Brokatmantel und gibt sich ein wenig exzentrisch. Und Dietrich, der weißhaarige Zauberkünstler mit der eleganten Fliege, steht da vor seinem eigenen Schattenriss. Amaria und Hicham betreiben ein Restaurant im Märkischen Viertel, offenen Blicks stellten sie sich vor Marquardts Kamera. Wahrscheinlich haben sie viele „Nachbarn“ auf den Fotos schon längst mal bedient. Und die beiden Streetworker Cem und Murat, Motorradfans und mit dem Märkischen Viertel vertraut und verwachsen wie die hohen Häuser und Bäume.

Sven Marquardt
Francis, junge Muslima  aus dem Märkischen Viertel

Sven Marquardt erweist sich als unverwechselbarer Beobachter und Erzähler. Ein Menschen-Fotograf der anderen Art. Einer, der die früh gestorbene Ostkreuz-Fotografin Sibylle Bergemann sein künstlerisches Vorbild nennt, die gesagt hatte: „Mich interessieren die Ränder, nicht die Mitte.“ Jemand schrieb, Marquardts Fotos seien immer melancholisch und sähen so aus, als habe er sie nachts aufgenommen. Ja, er mag diesen Rest an Geheimnis, das sein Porträtieren umgibt. Und er liebt das Hell-Dunkel. Ein wenig Altmeister-Ästhetik schwingt immer mit . Dabei ist er, wenn er nicht gerade Nachtschicht an der Berghain-Tür hat, ein Frühaufsteher. „Wegen des Lichts und der Stimmung.“

„Nah“, Ausstellung der Gesobau, Wilhelmsruher Damm 142, Eröffnung am 17.6. , Laufzeitbis 26. Juni, tgl. 14–20 Uhr, Eintritt frei. In Kürze werden die Fotos auch am Alex und quer durch die Stadt plakatiert.